Dienstag, 12. November 2019

Berlin Transit

Von bedmin

»Ich weiß nicht, warum alle diese Leute in Berlin leben! Jedenfalls sind alle mit Berlin unzufrieden und lassen sich keine Gelegenheit entgehen, darauf zu schimpfen. Besonders die Russen.« Das ist kein aktuelles Zitat, sondern wurde von Ilja Ehrenburg schon Anfang der 1920er Jahre im Romanischen Café formuliert. Er meinte auch nicht die süd- und westdeutschen Zugezogenen, sondern jüdische Migranten aus Osteuropa: Berlin war kein Sehnsuchtsort für sie, sondern Flucht- und Transitort zwischen Ost und West. Viele von ihnen verließen die Stadt bereits in den 1920er Jahren in Richtung USA oder Palästina.

Mit einer Fülle bislang unbekannten Materials folgt die neue Ausstellung des Jüdischen Museums den Spuren osteuropäischer Juden im Berlin der Weimarer Republik, gibt Einblick in die Gründe ihrer Flucht und das Ausmaß der antijüdischen Pogrome während des Russischen Bürgerkriegs. Die Pogrom-Zeichnungen von Issachar Ber Ryback und historisches Filmmaterial über Pogrome im Jahr 1919 sind eindrückliche Zeugnisse dieser Gewalterfahrung.

Die Ausstellung folgt keiner chronologischen Erzählung, sondern ist als Themenparcours angelegt:

»Charlottengrad und Scheunenviertel«
Den beiden Zentren jüdischen Lebens – Scheunenviertel und bürgerliches Charlottenburg – ist je ein Ausstellungsraum gewidmet: Historisches Fotomaterial vermittelt einen Eindruck der Gegend zwischen Grenadier-, Linien- und Mulackstraße, das vielen Berlinern damals als »Elendsbezirk« galt und heute nostalgisch verklärt wird. Die Genrebilder namhafter Fotografen wie Friedrich Seidenstücker und Abraham Pisarek prägen unsere Vorstellung von einem »ostjüdischen Schtetl« inmitten der Großstadt. In der Ausstellung werden diese Bilder kritisch analysiert und durch die Konfrontation mit Privat- und Polizeiaufnahmen neu interpretiert.

Weit weniger sichtbar geblieben sind die Zuwanderer, die sich im westlichen Charlottenburg niederließen: Exemplarisch für das bürgerliche russisch-jüdische Berlin erzählt die Ausstellung die Geschichte der Familie Kahan, die im Russischen Reich mit einer international tätigen Ölfirma ein Vermögen erwarb. Exotische Atelierfotografien und Objekte angewandter Kunst aus den Bezalel-Werkstätten in Jerusalem geben einen Einblick in das kulturelle und gesellschaftliche Leben der Familie.

»Blütezeit«: Migrantenverlage und bildende Kunst
Der Ausstellungsraum »Babylon« thematisiert anhand des Mediums Buch die Blütezeit der Migrantenverlage: Aufgrund der günstigen wirtschaftlichen Bedingungen gab es in Berlin Anfang der 1920er Jahre eine Vielzahl russischer, jiddischer und hebräischer Verlage, an denen jüdische Migranten als Autoren, Übersetzer und Illustratoren beteiligt waren. Ein Schaukubus zeigt eine Auswahl dieser Publikationen, darunter einige mit Illustrationen von El Lissitzky.

Berlin war beliebter Aufenthaltsort für bildende Künstler, die vor den staatlichen Reglementierungen des Kunstbetriebs in Russland geflohen waren. Das letzte Ausstellungskapitel setzt die impressionistischen Porträts von Leonid Pasternak, die konstruktivistischen Skulpturen von Naum Gabo und die avantgardistischen Gemälde Issachar Ber Rybacks in einen beziehungsreichen Dialog.

Epilog: Spurensuche in Berlin
Der Ausstellungsepilog und die Website weisen den Weg in den heutigen Stadtraum und schicken die Besucher auf Spurensuche nach den weitgehend vergessenen Orten der osteuropäisch-jüdischen Migration.

Den Gegenwartsbezug setzt die Ausstellung »Russen Juden Deutsche. Fotografien von Michael Kerstgens seit 1992« fort: Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen dokumentieren den Prozess der Einwanderung russischsprachiger Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland in den letzten 20 Jahren. In seinen Bildern thematisiert Michael Kerstgens sowohl die sozialen und religiösen Herausforderungen der jüdischen Zuwanderer, als auch die Situation der »Alteingesessenen«.


Ausstellung Berlin Transit
»Charlottengrad und Scheunenviertel. Osteuropäisch-jüdische Migranten im Berlin der 1920/30er Jahre«
Vom 23. März bis 15. Juli 2012
Jüdisches Museum, 1. OG Altbau
Öffnungszeiten: täglich 10 bis 20 Uhr, montags 10 bis 22 Uhr

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