Dienstag, 12. November 2019

Wahrheit oder Klischee?

Von bedmin

Ein Rabbiner wird gefragt, warum Juden eine Frage immer mit einer Gegenfrage beantworten. »Warum nicht?” antwortet er.

Mit viel Humor geht die neue Ausstellung des Jüdischen Museums Berlin der Frage nach, was das Judentum ausmacht, woran man einen Juden erkennt und welche Klischees noch immer präsent sind. Sind Juden besonders geschäftstüchtig? Glauben Juden an den Satan? Und darf man über den Holocaust Witze machen?

30 Fragen führen den Museumsbesucher durch die Ausstellung »Die ganze Wahrheit … was Sie schon immer über Juden wissen wollten«. Ausgewählt wurden sie aus der Fülle wiederkehrender Fragen in den Foren und Gästebüchern des Museums und aus Erfahrungen der Museumsmitarbeiter.

Die Fragen werden jeweils mit einer Installation »beantwortet«, die Objekte, Zitate und Texte miteinander in Beziehung setzt. Eine eindeutige oder gar »richtige« Antwort bekommt der Besucher nicht, sondern je nach Sprecher oder Akteur unterschiedliche Perspektiven. Insgesamt präsentiert die Schau 180 Objekte aus Religion, Alltagswelt und zeitgenössischer Kunst, die einen Einblick in jüdisches Denken, innerjüdische Identitätsdebatten und das Verhältnis zur nichtjüdischen Umwelt geben.

So wird die Frage »Wer ist ein Jude?« von Israels erstem Premierminister David Ben Gurion 1951 noch mit der Bemerkung “Jeder, der meschugge genug ist, sich selbst einen zu nennen” beantwortet. Heute wird über diese Frage zwischen liberalen und orthodoxen Vertretern heftig gestritten, und das wahnhafte Bedürfnis nach wissenschaftlich überprüfbaren Provenienzkriterien hat neue Geschäftsmodelle befördert, die durch den genetischen Nachweis der Herkunft die mühevolle Aneignung von kulturellem Wissen überflüssig zu machen versprechen.

Die Zitate und Exponate zur Frage »Steht Deutschland in einer besonderen Beziehung zu Israel?« werden zum Panoptikum deutsch-israelischer Beziehungen: So stehen neben einem Staatsgeschenk für Bundespräsident Joachim Gauck auch das berühmte Luxemburger Abkommen von 1952 mit den Unterschriften der Außenminister Konrad Adenauer und Moshe Scharett. Einen Kontrast dazu bilden die Exponate von »Masterchef« Tom Franz, der über Nacht zum berühmtesten Deutschen in Israel wurde, als er sich gegen eine arabische Krankenschwester und eine orthodoxe Hausfrau im Kochduell durchsetzte.

Die Ausstellung »Die ganze Wahrheit… was Sie schon immer über Juden wissen wollten« greift mit Witz, Gelassenheit und Provokation viele aktuelle und gesellschaftliche Debatten auf, stellt Gegenfragen und sensibilisiert für stereotype Bilder sowie Denkmuster. Im Epilog der Ausstellung werden Besucher aufgefordert, ihre Fragen und Kommentare an eine Wand zu kleben – die nächsten Besucher reagieren, kommentieren oder hinterfragen das Gepostete. Bis September wird daraus die aktuelle »Frage des Monats« ausgewählt und in einem Videoblog kommentiert.


Die ganze Wahrheit – Was Sie schon immer über Juden wissen wollten
Ausstellung vom 22. März bis 1. September 2013
Geöffnet Montag: 10-22 Uhr, Dienstag-Sonntag: 10-20 Uhr
Jüdisches Museum Berlin, Lindenstr. 9-14, Kreuzberg
Homepage des Jüdischen Museums

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