Dienstag, 21. Mai 2019

Ein Italiener in Kreuzberg

Von Stella Hombach

“Ich muss laufen, in Bewegung sein. Ich möchte mit den Gästen in Kontakt kommen. Mit ihnen reden.”

Der Kontakt zum Gast steht für den Kreuzberger Gastronom Enzo Salatino ganz oben auf der Karte, ist sein Treibstoff. Oft beginnt die Begegnung schon beim Lesen des Menus. Obwohl seine Handschrift “schwierig” ist, schreibt Enzo die Karte selbst. Die Gäste müssen deshalb oft nachfragen, brauchen Hilfe das Geschriebene zu entziffern. Was steht da? Was bedeutet das? Sein Sohn bot ihm deshalb an, die Karte zu digitalisieren. Er wollte ihm und den Gästen helfen, ihnen Zeit ersparen. Aber das Nachfragen, das Erklären gehört für Enzo dazu. Wo viele Kellner genervt die Augen verdrehen, blüht Enzo auf. Er freut sich über die Fragen. Das Gespräch, das Erklären der Spaghetti allo scoglio oder der Fagioli con salsiccia ist für ihn der Auftakt seiner Beziehung zum Gast.

“Da Enzo” – Ein Stück Apulien in Kreuzberg

Abgesehen von seiner Schrift ist die Speisekarte einfach, die Gerichte schlicht. Es gibt keine übertriebenen Experimente. Wichtig ist die Tradition, wichtig ist die Qualität. Die Rezepte stammen alle aus seiner Heimatregion Apulien, zum Beispiel Saubohnenpüree mit Löwenzahn, Auberginenauflauf oder frittierte Babycalamaris. Ein ganz besonderes Gericht ist die Caponata. Caponata lässt sich nicht ins Deutsche übersetzen. Es ist eine sizilianische Spezialität, ein besonderer Auflauf aus Auberginen, Oliven und Sellerie, serviert mit einer kräftigen Tomatensoße. Es gibt Gäste, die extra für die Caponata anreisen.

Weine, Käse und Öl werden direkt aus Italien importiert. Wie die Auswahl des Menüs, so ist auch die Einrichtung schlicht und einfach. Es gibt nichts Überflüssiges, keine Schnörkel. Einzelne Wandpartien sind rot gestrichen, der Rest ist weiß. Und wie in der Osteria vor dreißig Jahren sind die Tischdecken aus Papier. Vereinzelt hängen Bilder an den Wänden, Bilder aus Apulien.

Aber das “Da Enzo” ist mehr als ein Restaurant. Es ist ein Treffpunkt. Sechs Tage die Woche ist das Ristorante geöffnet, sechs Tage steht Enzo in seinem Laden und begrüßt die Gäste. Man kennt sich, man will sich kennen. Seit mehr als dreißig Jahren ist Enzo in der Gastronomie tätig, immer in Berlin-Kreuzberg. Angefangen hat er in der Osteria Numero Uno, nur einen Steinwurf entfernt von den Viktoria-Wasserfällen. Seit gut dreieinhalb Jahren betreibt er nun sein “Da Enzo” am Chamissoplatz.

Die Ruhe am Chamissoplatz

Viele seiner Gäste kennt er noch aus seinen ersten Berliner Jahren. Es sind Stammgäste, es sind Freunde. Sie sind ihm und seiner apulischen Küche bis in die Willibald-Alexis-Straße gefolgt. Hier liegt das “Da Enzo”, am südlichen Scheitelpunkt des Chamissoplatzes, nur wenige Gehminuten von der Bergmannstraße entfernt. Trotzdem scheinen an manchen Tagen Welten zwischen den beiden Straßen zu liegen. In der Bergmannstraße ist immer was los. Mit einem Augenzwinkern nennt Enzo sie einen “Bazar”. Die Leute kaufen ein, trinken Kaffee, Touristen kommen und gehen. Die Straße ist voll und der Verkehr stockt.

Auf dem Chamissoplatz ist es ruhiger. “Manchmal fast zu ruhig”, sagt Enzo. Auch hier gibt es Cafés und Restaurants, Galerien und einen Wochenmarkt; in der Mitte des Platzes liegt ein großer Spielplatz. Im Sommer, tagsüber herrscht hier Leben. Doch im Winter, gerade am Abend, ist der Platz oft trist. Ab halb zehn sind die Straßen leer. Der Chamissoplatz hat mit einer italienischen “Piazza” wenig zu tun. Hier fehlt das Leben, die Bewegung. Wenn die Kinder aufhören zu spielen, wenn es dunkel wird und sie nach Hause müssen, wird es einsam am Chamissoplatz.

Die Bewegung. Das Lebendige. Das sind Dinge, die Enzo hier vermisst. Kreuzberg ist für ihn immer noch das schönste Viertel Berlins. “Aber es hat sich verändert, Kreuzberg 61 hat sich verändert. Anfang der Siebziger, Mitte der Achtziger war es anders.” Gerade durch die Studenten, durch die Hausbesetzer-Szene war Kreuzberg ein “bewegter Ort”. Hier pulsierte das Leben.

Rückblick – Wie der Weg begann…

Der gelernte Werkzeugmacher Vincenzo Salatino kam 1974 nach Deutschland. Mit dem Zug reiste er von Apulien nach München, dann weiter mit dem Flugzeug weiter nach Berlin-Tempelhof. Bei der AEG in Berlin bekam er einen Job und arbeitete dort zwei Jahre, nebenher lernte er Deutsch. Dann lief sein Vertrag aus und er brauchte eine neue Arbeit. Hier half der Zufall, half die Bewegung der Stadt. Freunde von ihm wollten ein Restaurant eröffnen. Wohnraum und Läden gab es genug; oft standen in einem Haus sieben oder acht Wohnungen leer. “Wenn man sich eine Wohnung anschauen wollte, kam der Vermieter oft mit einem ganzen Schlüsselbund,” erzählt Enzo.

Nach kurzer Zeit fanden die Freunde den passenden Ort. Direkt am Viktoriapark gründeten sie die Osteria Numero Uno, eines der ersten italienischen Restaurants in Kreuzberg. Die Küche war gut und schnell, klassisch italienisch. Auf die Osteria folgte die Bar Centrale, gleich um die Ecke in der Yorckstraße, auch sie gibt es noch heute. Beide Lokale gelten längst als kulinarische Institutionen und gehören zur Kiez-Geschichte.

Enzos nächste Station war dann die “Trattoria Da Enzo” in der Großbeerenstraße, die er zusammen mit dem Projekt Lebenswelten leitete. 15 Jahre lang war er hier Geschäftsführer, bevor er schließlich am Chamissoplatz sein eigenes Restaurant mit apulischer Küche eröffnete.

…und was bis heute bleibt

Es war ein langer, aber ein erfolgreicher, ein schöner Weg. Es war ein bewegter, ein lebendiger Weg. Auch während unseres Gesprächs steht Enzo öfter auf. Läuft ein paar Schritte. Zeigt und erklärt mir die Bilder an den Wänden. Die meiste Zeit sitzt er, spricht ruhig. Dann aber begeistert ihn ein Thema und seine Stimme wird schneller, seine Gestik raumgreifender. Von Anfang an ist das Gespräch freundschaftlich. Auch wenn wir allein im Laden sitzen, die Kaffeemaschine noch nicht an, der Raum noch kühl ist, herrscht eine warme Atmosphäre.

Trotz kleiner Schwierigkeiten ist Enzo zufrieden. Zufrieden mit seinem Weg, zufrieden mit seinem Leben. Er mag seine Arbeit, freut sich auf seine Gäste. Nur manchmal weht ein bisschen Nostalgie mit in seinen Worten. Es sind die Siebziger, die Achtziger Jahre, an die er gern zurückdenkt. Berlin war ein Ort der Möglichkeiten, Kreuzberg voller Bewegung. Heute ist es ruhiger im Bezirk 61; an manchen Tagen scheint das Leben am Chamissoplatz eingeschlafen. “Oder vielleicht waren wir damals einfach nur jünger und das Leben ist weitergezogen, weitergezogen nach Kreuzkölln”, sagt Enzo mit einem Lächeln. Kreuzberg, die Gegend um den Chamissoplatz, der ganze Bezirk 61 ist mit ihm älter geworden. Doch zumindest äußerlich sieht Enzo noch fast genauso aus wie vor 15 Jahren. Nur die lockigen Haare werden ein bisschen grau an den Schläfen.

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