Freitag, 24. November 2017

Der Blick ins Innere

Von Cornelia Brelowski
Turning the World Upside Down Foto: C.Brelowski “Turning the World Upside Down”

Foto: C.Brelowski

Der Gropiusbau zeigt eine große Ausstellung des britischen Künstlers Anish Kapoor. Cornelia Brelowski hat sie besucht.

Giacometti notierte kurz vor seinem Tod als Quintessenz seines Lebens: “Der Versuch ist alles.” Anish Kapoor hat sich zum Motto gemacht: “Ich habe nichts zu sagen als Künstler… doch der Prozeß, der schon.”

Kapoor, vielleicht der derzeit meistbeachtete britische Künstler, darf den gesamten Innenhof und so einige Räume im Erdgeschoss des Martin-Gropius-Baus bespielen. In wochenlanger Arbeit hat er dies mit Hilfe des Kurators Rosenthal getan und Versuch und Prozess gaben sich hier die Hand. “Ich bin fast überzeugt, dass es geklappt hat”, so der Kurator im Gespräch mit den Kreuzberg-Nachrichten.

Als zentraler Punkt dient die “Sonne”, in Blutrot, die in der Halle auf einem Gerüst steht. Auf sie zu laufen Förderbänder, die in einer Endlosschlaufe aus dem Kellergeschoß große Brocken eines blutroten Wachs-Öl-Gemisches heranhieven. Die werden in den kommenden Wochen wie eine Art Sonnenopfer zu großen Bergen heranwachsen. Der Titel “Symphonie for the Beloved Sun” bezieht sich auf Ibsens “Ghosts”, als der todkranke Sohn im dritten Akt die Mutter um die Sonne bittet (“Mother… give me the sun”).

"Symphony for a Beloved Sun" Foto: Barbara Streun

“Symphony for a Beloved Sun” Foto: Barbara Steun

Die Farbe Rot spielt generell eine große Rolle bei Kapoor, eine Metapher für das Innere des Menschen: das Blut, welches durch die Adern fließt, auch für der Auswurf – wenn man nur an die Krankheit der romantischen Künstlergeneration, die Tuberkulose denkt. Der Bogen zur Romantik wird auch durch sein Werk “Tod des Leviathan” geworfen, den er durch einen riesigen entleerten braunen Luftsack in drei Räume verteilt darstellt, wie einen gestrandeten Wal. Oder in seinem Bezug zu Kaspar-David Friedrichs “Wrack im Mondlicht”: ein auf einem tropfsteinartigem Berg gestrandetes Floß, das ganze wirkt algenüberwachsen aus wie die Reste der Titanik (“Apokalypse and the Millennium”).

Der sterbende Leviathan steht für das zerbröckelnde Staatengebilde in Europa und in der Welt und so einige politische Äußerungen Kapoors in der Pressekonferenz deuten auf eine grundsätzliche Auseinandersetzung zwischen Künstler und Staat hin. Er würdigt in zweien seiner Werke Ai WeiWei und zwar aus dem Grund, weil er “eine Stimme hat”, die er benutzen kann, und darf.

Doch bei aller Politik hat die Kunst Kapoors auch ein stark meditatives Element und so befragte KN ihn zum spirituellen Aspekt seiner Arbeit. Der wird zunächst abgestritten – und dann wieder doch nicht.

Falls das “Spirituelle” nur das Licht sei, so Kapoor, dann sei er nicht interessiert. Er wolle “tiefer” gehen, in das Dunkle hinein, den Bogen schlagen zwischen Dunkel und Licht. Zwischen “Gut” und “Böse”, so nennt es der Kurator Norman Rosenthal. Doch ohne Dunkel kein Licht und ohne Erdung keine Spiritualität – und in den Gegensätzen findet sie sich ja nun erst, die Spiritualität, denn sonst bleibt nur die (spiegelnde) Oberfläche.

"Apokalypse and the Millennium" Foto: C. Brelowski

“Apokalypse and the Millennium” Foto: C. Brelowski

Schon Kapoors spiegelnde Skulpturen, 2009 in Kensington Gardens in London ausgestellt (“Turning the World Upside Down”), warfen teils den Himmel, teils die Menschen auf sich zurück, je nach Winkel und Entfernung. Und gleichzeitig nahmen sie diese in sich auf, denn die konkave Wölbung bedeutet ja auch immer eine Einladung. Diese Spiegelskulpturen sind nun teilweise auch im Martin-Gropius-Bau zu sehen. Doch der Effekt der Aufstellung in London mitten in der Natur war unschlagbar.

Und so begreift sich Kapoor als “Medium”, der uns wahlweise den Spiegel vorhält, oder den Blick ins Dunkle gewährt.

Kapoor gibt zu, dass die Person des Künstlers und vielleicht auch sein Geltungsbedürfnis immer eine Rolle spielen. Und doch dient seine Kunst dem Betrachter vorwiegend als Interpretations-medium. Er schlägt den Bogen von der Romantik zur Jetztzeit, von Friedrich zu Beuys, von Ost nach West, und letztendlich: von Außen nach Innen.

Die monochrome Farbgebung und meditative Inhaltlichkeit, die mit den Räumen des Martin-Gropius-Baus erstaunlich gut harmonieren, laden ein zum in sich gehen. Mitten hinein in die Tiefe.

“Kapoor in Berlin”
18. Mai 2013 bis 24. November 2013
Martin-Gropius-Bau

http://www.gropiusbau.de

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