Donnerstag, 19. Oktober 2017

Der Feind aus meinem Bauch

Von Bevo Winterberg

Kevin ist ein Satansbraten. Ein Arschlochkind. Ein Dämon in Windelhöschen. Nein, nicht jener Kevin, der von seiner 20-köpfigen Familie an Weihnachten zuhause vergessen wurde. Dieser Kevin ist das Kind des Vorzeigepaares Eva und Franklin (Tilda Swinton und John C. Reilly), beides intellektuelle Kreativberufler, die ihr erfolgreiches Leben mit einem Kind abrunden möchten. Zwar trauert Eva ihrem spannenden Leben als Reisejournalistin ein wenig hinterher, und die euphorische Glückseligkeit ihrer Mitschwangeren im Geburtsvorbereitungskurs kann sie auch nicht richtig teilen. Doch lässt sie keinen Augenblick einen Zweifel an ihrer unbedingten Entschlossenheit, mit dem Kind alles richtig zu machen und notfalls jede Theorie über Erziehung und frühkindliche Förderung zu inhalieren, die gerade en vogue ist. Auch wenn sie nach der Entbindung daliegt wie auf einer Totenbahre und das ihr fremd anmutende Kind lieber mit ausgestreckten Armen hochnimmt.

Und so schaukelt sie – ratlos, schuldbewusst und opferbereit – den dauerschreienden Säugling durch die Wohnung, bis sie vor Müdigkeit nicht mehr stehen kann. Diskutiert ernsthaft mit dem bockigen Einjährigen darüber, warum er einen Ball nicht zu ihr zurückrollen mag. Sucht Hilfe bei Ärzten und Psychologen, weil der Sohn sich noch als Achtjähriger weigert, die Toilette zu benutzen. Und steht ohnmächtig vor der Frage, warum sich die Feindseligkeit des Jungen nur gegen sie richtet, während er mit seinem Vater gut auszukommen scheint.

Kann es sein, dass Evas Hadern mit Berufsaufgabe, Mutterschaft und spießiger Vorstadtexistenz bereits vom Säugling Kevin als unterschwellige Ablehnung wahrgenommen wurde? Hat er ihr kühles intellektuelles Wesen als lieblos empfunden und rächt sich nun auf seine Weise? Oder ist er einfach nur das geborene Monster? Je älter Kevin wird, desto ausgefeilter werden seine Bösartigkeiten; er verwüstet Zimmer, crasht Computer, lässt Haustiere über die Klinge springen, verletzt seine kleine Schwester – und doch scheint es primär immer um eines zu gehen: die Verletzung seiner Mutter. Mit finsterem Blick beobachtet er sie, nutzt seine außergewöhnliche Intelligenz um sie zu manipulieren und zu terrorisieren, und erst wenn seine kalkulierten Grausamkeiten ihr Schmerzzentrum getroffen haben, umspielt ein kaltes Lächeln seine Lippen.

Das alles ist trotz glänzender schauspielerischer Leistungen recht anstrengend anzusehen. Zudem verpackt der Film seine Botschaften nicht eben subtil; besonders der Bildsprache hätte etwas weniger Dramatik und Symbolik gut getan (Regie: Lynne Ramsay, Kamera: Seamus McGarvey). Von Anfang an wird der Zuschauer immer wieder, unter ärgerlicher Überstrapazierung der Farbe Rot, darauf vorbereitet, dass etwas Furchtbares geschehen wird. Ein souveränerer Regisseur hätte sich (und uns) all das Gedröhne und Getriefe in Scharlachrot erspart und sich statt dessen auf die großartigen Schauspieler verlassen. In Blick und Mimik von Tilda Swinton, aber auch von ihrem erstaunlichen jungen Kollegen Ezra Miller, der Kevin als Jugendlichen verkörpert, liegt genug Unheil, um den Zuschauer das Schlimmste ahnen zu lassen.

Und so ist es denn auch ein Schauspielerfilm – man muss ihn nicht wegen der Story sehen, da empfiehlt sich eher das Lesen des Romans (Lionel Shriver: “Wir müssen über Kevin reden”, erschienen bei Ullstein), und schon gar nicht wegen der filmischen Ästhetik. Aber Tilda Swinton ist – wieder einmal – ein Ereignis, und im Zusammenspiel mit Miller sehen wir ein furioses Mutter-Sohn-Gespann, das allein den Kinobesuch lohnt.


We need to talk about Kevin
Spielfilm USA 2011, Regie: Lynne Ramsay
Darsteller: Tilda Swinton, John C. Reilly, Ezra Miller
Kinostart in D am 16. August
Zu sehen OmU im fsk am Oranienplatz,
täglich 20.30 Uhr und 22.30 Uhr

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