Sonntag, 28. Mai 2017

Die Frau, die vom Himmel fiel

Von Cornelia Brelowski

Im Martin-Gropius-Bau wurde die Ausstellung “Auf den Spuren der Irokesen” eröffnet. Cornelia Brelowski hat sie besucht.  

Dieser_Morgen_jener_Abend

Im Schöpfungsmythos der Irokesen ist die erste Frau auf Erden nicht etwa ein notwendiges Seitenprodukt, hergestellt aus einem verschmerzbaren Körperteil des Mannes. Sie ist vielmehr eine Ahnfrau, die schwanger vom Himmel fällt. Ihr Fall wird durch Vögel abgefangen, und sie landet sicher auf Erden, in diesem Fall dem Rücken einer Riesenschildkröte, den umsichtige Biber mit Urschlamm bedeckt haben.

Foto: C.Brelowski

“Schöpfung” 1980
Künstler: Stanley Hill, Sr. (Mohawk)
Foto: C.Brelowski

Dort gründet sie das Volk der “Langhausbewohner”, der Haudenosaunee; ein Volk, das, von seinen Feinden Iroquois genannt, im 16. Jahrhundert in die sogenannten Six Nations expandieren und seine Nachbarstämme sowie diverse europäische Armeen lange Zeit in Atem halten wird. Schon vor der Ankunft des weißen Mannes eine parlamentarische Demokratie, bestand der Rat zu verschiedenen Anteilen aus Abgeordneten der Stämme Onondaga, Seneca und Mohawk, der Oneida und Cayuga und ab etwa 1722 auch der Tuscarora.

Der Seneca G. Peter Jemison begrüßt die Besucher der Ausstellungseröffnung in der Sprache seines Volkes. Jemison hatte bereits einen beeindruckenden Lebenslauf als anerkannter moderner Künstler und Kurator hinter sich, als ihn 1970 die Ereignisse um Alcatraz während der indianischen Protestbewegung “American Indian Movement” dazu bewegten, seine Wurzeln zu verfolgen. Sein Weg führte ihn zurück nach Manhattan, näher an die Stätte seiner Urahnen, wo er 1985 eine lukrative Position als Galerieleiter im American Indian Community House aufgibt, um Leiter des Open Air-Kulturzentrums Ganondagan bei Rochester zu werden. Damals ein zusammengestückelter Haufen von heruntergekommenen Gebäuden, hat sich Ganondagan auf dem Grund und Boden einer ehemaligen Seneca-Stadt heute zu einer florierenden Bildungs- und Kulturstätte entwickelt.

Peter Jemison Foto: C.Brelowski

Peter Jemison, Seneca-Künstler und Leiter Ganondagan Heritage Center
Foto: C.Brelowski


Wie Jemison betont, sind die ‘Nations’ der Ureinwohner Amerikas souveräne Völker, die unter der US-Regierung einen politischen Sonderstatus innehaben. Sylvia Kasprycki, die Kuratorin der Irokesen-Ausstellung, beantwortet die unvermeidliche Frage nach dem Genozid mit der Ansicht, dass der Schwerpunkt heute nicht länger nur in der Vergangenheitsbewältigung liege, sondern vielmehr in der bewussten Pflege von Kultur und Erbe. Die ‘Irokesen’ sind derzeit nach ihren Worten ein Volk von 85.000, welches in der heutigen US-Gesellschaft zusammen mit anderen amerikanischen Indianervölkern durchaus präsent ist. Seit der vorübergehenden Dezimierung im 17. Jahrhundert in der Zahl wieder stark angewachsen, haben sich die Six Nations bis heute eine politische Stimme erhalten.

Doch zurück zu den Frauen. Die Irokesinnen dienten als Vorbild für die Suffrage-Bewegung zur Selbstbestimmung der Frau in Europa. Sie hatten nicht nur das Erb-Recht auf (Lang-)Haus und Boden, sondern auch Wahl- und Abwahlrecht auf Häuptlinge und Entscheidungsgewalt über den Kriegsdienst ihrer Söhne. Die Erbfolge basierte matrilinear auf der Linie der Mutter – die Irokesinnen mussten somit nie umständlich beweisen, dass ihr Bauch ihnen gehört.

Vorsitzende für ein Longhouse mit einem aus mehreren Familien bestehenden Klan war jeweils eine weise ältere Frau. Nicht zuletzt hatten die Irokesen-Frauen auch das Recht auf Adoption von Kriegsgefangenen, und so gab es eine sehr prominente ‘weiße’ Frau, die als Überlebende und adoptierte Tochter nach einem Überfall auf ihre schottisch-irische Siedler-Familie bei den Seneca blieb. Mary Jemison (mit indianischem Namen De-he-wä-mis genannt, was soviel wie hübsche, angenehme Person bedeutet) ging in die Geschichte ein, denn ihre Memoiren wurden am Ende ihres langen Lebens um 1824 aufgezeichnet und schon bald zum unerwarteten Bestseller. Sie beschreiben nicht nur den Alltag bei den Longhouse-Leuten, sondern auch schmerzlich die Okkupation und das Dahinsiechen ihrer eigenen Söhne unter der Fremdherrschaft der Kolonisten, durch die für die amerikanischen Ureinwohner verheerende Wirkung von Alkohol. Mary war zunächst mit einem Delawaren, später mit einem Seneca verheiratet und spielte eine wichtige Rolle in Verhandlungen um Hoheitsgebiete. Peter Jemison, dessen konsequente Kehrtwende in seinem Leben ihn heute als modernen ‘Sondergesandten’ im karierten Hemd vor uns sitzen lässt, ist ein Abkomme von Mary Jemison.

Sondergesandte der Seneca gab es übrigens schon 1710 unter Queen Anne, als drei Häuptlinge der Mohawk und ein Mohikaner als die ‘Vier Könige von Kanada’ zu diplomatischen Verhandlungen England besuchten. Ihre Portraits werden im Gropiusbau in stolzer Reihe in Goldrahmen präsentiert. Ein weiterer angesehener Diplomat war Joseph Brant, dessen Konterfei in der Ausstellung ebenfalls zu sehen ist. Mary Jemison unterstützte ihn in seinen Verhandlungen mit den Kolonisten. Die Allianz mit den Engländern, lange Zeit ein stärkendes Element für die Irokesen, erlosch nach dem Unabhängigkeitskrieg. Seitdem kämpfen die Irokesen politisch um ihre Rechte, immer wieder, so auch 1990 im kanadischen Oka, als Auseinandersetzungen um einen expandierenden Golfplatz auf (eigentlich) anerkanntem Stammesgebiet der Mohawk eskalierte. Peter macht deutlich, dass dieser Kampf nicht vorbei ist, auch unter der Obama-Regierung. “Es gibt vielleicht einige hier, die das nicht gerne hören, aber wir sind nicht gerade weit oben auf der Liste der politischen Agenda” sagt er mit schiefem Grinsen. Es ist nicht vorbei, jedoch befindet man sich in einem Zustand der Heilung, wie der Mohawk-Künstler Tehaweron in seinem Bild “Jener Morgen, Dieser Abend” von 1993 feststellt (Titelbild).

Die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, übernommen von der Bundeskunsthalle Bonn, sieht sich als Spurensuche und schlägt einen Bogen von Kultur, Politik bis hin zu moderner Kunst. Sie ist nach einem Wampum-Muster mit zwei parallel verlaufenden violetten Linien konzipiert: Diese stehen für die parallelen Wege der Indianer und der Weißen und für den gegenseitigen Respekt.

Peter Jemison sagt, es sei sehr bewegend zu sehen, wie in einem so fernen Land die Geschichte seines Volkes geehrt wird, bis hin zum Bau eines originalgetreuen Longhouses in Bonn. Er wünschte, dass Vertreter der amerikanischen Regierung dies mit eigenen Augen sehen könnten, nicht nur im Katalog. Georg Sievernich, der Direktor des Martin-Gropius-Bau, empfiehlt bei Gelegenheit, abgesehen von der aktuellen Ausstellung in Berlin, den Besuch des Native American Museums in Washington. Wir empfehlen diese Ausstellung – und einen Besuch in Ganondagan.


Ausstellung “Auf den Spuren der Irokesen”
18. Oktober 2013 bis 6. Januar 2014
Martin-Gropius-Bau, Niederkirchner Str. 6, Kreuzberg

Die Ausstellung wird von einem Rahmenprogramm begleitet, das nicht nur ein Symposium zu zeitgenössischer indianischer Kunst, sondern zum ersten Mal auch einen Workshop für Demenzkranke beinhaltet.

www.berlinerfestspiele.de
www.ganondagan.org

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