Sonntag, 28. Mai 2017

Freiheit wird einem nicht gegeben, man muss sie nehmen

Von Cornelia Brelowski

Pelzhandschuhe, 1936
Foto: Stefan Altenburger Photography
© VG Bild-Kunst, Bonn, 2013

Pünktlich zu ihrem 100. Geburtstag im Oktober wird die 1985 verstorbene Künstlerin Meret Oppenheim von ihrer Geburtsstadt Berlin mit einer Retrospektive geehrt. Der Martin-Gropius-Bau hat es in Angriff genommen, diese vielschichtige und wichtige Figur der Kunstszene des 20. Jahrhunderts zu beleuchten.

Als Avantgarde-Künstlerin ihrer Zeit, in Paris, Berlin und später in der Schweiz lebend, fortwährend in der künstlerischen Entwicklung begriffen, stellt die 1913 in Charlottenburg geborene Meret Oppenheim mittlerweile auch eine Ikone für die feministische Bewegung dar, einfach aus der Art und Weise heraus, wie sie gelebt hat.

Der vielleicht erhellendste Teil der Ausstellung ist eine Vitrine gleich am Anfang des Rundgangs. Sie enthält frühe Tagebucheinträge Oppenheims, die Zeugnis abgeben vom inneren Kampf einer heranwachsenden intelligenten Frau, die schmerzlich realisiert, was es heißt, innerhalb einer männlich dominierten Umgebung zu leben. Sie zeigt auch einen Brief von CG Jung, der sich auf ein Treffen bezieht, welches Merets besorgter Vater angeregt hatte. CG Jung versichert in diesem Brief, Verhalten und Gedanken seien doch durchaus verständlich und lägen im Rahmen. Meret werde sich sicherlich aufgrund ihrer Intelligenz und Talente einen fruchtbaren Weg in der Welt suchen, der ihr entspräche. Der Brief klingt tatsächlich, als ob der Vater mehr Beruhigung gebraucht hätte als Meret selbst, die in einer nachträglichen Notiz über das ihr angenehme Treffen anmerkt: “Jung sagt, Frauen müssen immer Engel sein – wichtig!”

Eichhörnchen, 1969 Privatsammlung, Montagnola Foto: Peter Lauri, Bern © VG Bild-Kunst, Bonn, 2013

Eichhörnchen, 1969
Privatsammlung, Montagnola
Foto: Peter Lauri, Bern
© VG Bild-Kunst, Bonn, 2013

Nach dem ersten, sehr frühen Spontanerfolg in der Surrealistenszene im Paris der 30er Jahre, gekrönt durch den Ankauf ihrer “Pelztasse” (1936) durch das damals aufstrebende New Yorker Museum of Modern Art, fiel Oppenheim 1937 nach ihrer Rückkehr in die Schweiz in eine Schaffenskrise, von der sie sich nach eigenen Worten erst 1954 erholte. Mittlerweile verheiratet, beschritt sie nach Anmietung eines Ateliers in Bern nun eine Entwicklungsphase nach der anderen, denn wie bei vielen hochsensiblen Naturen begann ihre erfüllendste Phase in ihren Vierzigern. Der internationale Durchbruch kommt 1967 mit einer Retrospektive im Moderna Museet in Stockholm. Oppenheims Schaffenskraft wird bis in die Achtziger Jahre hinein reichen, mit Teilnahme an der Documenta 7 und der Verleihung des Großen Preises der Stadt Berlin.

Durch die Hand der jungen Kuratorin Heike Eipeldauer liebevoll destilliert, stellt die Ausstellung im Gropiusbau die verschiedenen Schwerpunkte des künstlerischen Erbes der Oppenheim heraus und schafft so eine nachvollziehbare Struktur, die sich von Anfang an durch ihr Werk zieht. Akzente liegen immer wieder auf der Frage nach der Stellung der Frau in Kunst und Gesellschaft, denn Meret Oppenheim hatte gleichsam ein doppeltes Stigma zu stemmen: Als Frau in der (ursprünglich) von Männern dominierten Kunstwelt und als Künstlerin in einer materiell-wissenschaftlich orientierten Gesellschaft.

“Ein schweres Hallo liegt auf dem Quecksilbersee”

Bei den vielfältigen und vielschichtigen Exponaten, sei es ein Abendkleid mit Nippelkettchen von 1968, die Pelzhandschuhe, aus denen täuschend echte Fingerspitzen mit rot lackierten Nägeln hervorlugen (1936), doch auch in einigen abstrakten Objekten und Bildern scheint eine spezifische Eigenart durch, die sie mit ihrem Vorbild Paul Klee verbindet: Nämlich ein gesunder, augenzwinkernder Humor, der den Nagel auf den Kopf trifft. Auf einer wie geteert wirkenden ehemaligen Kuchenunterlage steht in weißen kleinen Buchstaben “Ein schweres Hallo liegt auf dem Quecksilbersee”. Allerdings.

Doch auch die “reife” Malerei der späteren Jahre oder die symbolistisch-narrativen Traumbilder zeigen: Meret Oppenheim fand immer einen adäquaten Weg des Ausdrucks, so vielfältig und wechselhaft er auch erscheinen mag.

Seit den Tagen der Konzeptkunst ist diese Vielfältigkeit des Ausdrucks, mit allen Mitteln, die einem so über den Weg laufen und zur Verfügung stehen, dann ja auch salonfähig geworden – nur hat Meret Oppenheim ihn schon viel früher beschritten. Da wundert es nicht, dass sie mit Hilfe Man Rays ihre “Pelztasse” auf verschiedenfarbigem Hintergrund postierte und per Photocollage eine Art “Plakat” daraus entstand, bei dem sich Andy Warhol durchaus einiges an Inspiration geholt haben dürfte.

Foto: Barbara Steun

Foto: Barbara Streun

Die berühmte Pelztasse ist übrigens nicht Teil der Ausstellung, denn, so Gropiusbau-Direktor Gereon Sievernich bei der Pressekonferenz: “Das MoMA weiß natürlich auch, dass Meret Oppenheim dieses Jahr 100 geworden wäre.”


Meret Oppenheim. Retrospektive
Ausstellung vom 16. August bis 1. Dezember 2013
Geöffnet Mittwoch bis Montag, jeweils 10-19 Uhr (Dienstag geschlossen)
Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7
www.gropiusbau.de

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