Sonntag, 28. Mai 2017

Mythos oder Mysterium?

Von Cornelia Brelowski
Wols: Ohne Titel (Stilleben Pampelmuse, 1938–August 1939) Foto: Estel/Klut © VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Wols: Ohne Titel (Stilleben Pampelmuse, 1938–August 1939)
Foto: Estel/Klut © VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Der Avantgardist Wolfgang Schulze, unter dem Namen WOLS bekannt als Vertreter des Informel in der bildenden Kunst, bekommt als Fotograf eine lange fällige Profilierung durch die Ausstellung “WOLS Photograph. Der gerettete Blick” im Martin-Gropius-Bau.

Gerettet im wahrsten Sinne des Wortes – bei einer Odyssee durch mehrere Internierungslager in Frankreich war gerade mal eine Box mit über 600 Vintage-Fotos durchgerettet worden, die die Schwester des Künstlers nach seinem frühen Tod 1951 sicher verwahrte. Noch eine Künstlerbiografie, die durch den Krieg ad absurdum getrieben wurde: 1932 von Berlin nach Paris ausgewandert, begreift sich der Dresdner Wolfgang Schulze zunächst als Fotograf und gedenkt hiermit in der neuen Heimat auch sein Geld zu verdienen. Da er den Reichsarbeitsdienst verweigert hatte, befand sich WOLS ständig auf der Flucht vor den deutschen Behörden. Dann folgte nach wenigen Jahren die Denunzierung, und letzlich war es WOLS erst im Dezember 1945 vergönnt, wieder nach Paris zu kommen. Dort war aber durch einen Wohnungseinbruch das Kamera-Equipment entwendet worden, und so verlegte er sich auf Zeichnung und Malerei.

Die Abkürzung WOLS hat der Künstler übrigens einer Sekretärin zu verdanken, die für ein Telegramm kurzerhand ein Kürzel für seinen Namen erfand: Deckmantel und gleichzeitig Künstlername, der eher in die Kunstwelt der 60er Jahre zu passen scheint. Da war Wolfgang Schulze aber längst verstorben und wurde nur noch posthum ausgestellt, nämlich schon in den 50ern auf der ersten Documenta sowie 1958 auf der Biennale in Venedig.

Die nun im Gropiusbau zu sehende Ausstellung wurde bereits in Dresden gezeigt, was ihrer – wie soll man sagen – Spezifität keinen Abbruch tut. Speziell ist der Blick auf WOLS als Fotograf, und ebenso speziell ist sein Blick selbst. Zu hören, dass der berühmte Kollege László Moholy-Nagy mehrere Empfehlungsschreiben für ihn ans Bauhaus richtete, ist nicht verwunderlich, denn seine Fotografie befindet sich bereits in den frühen 30ern auf den Pfaden des neuen Sehens – ja selbst Fotogramme sind bereits vertreten. Diese “zufällige” Form der Fotografie ist zu jener Zeit zwar noch Novum, allerdings ist sie keineswegs WOLS’ Erfindung.

Der Einfluss seiner Pariser Surrealistenfreunde ist unübersehbar in der Wahl seiner Motive; es gibt eine komplette Reihe von Pflaster-Fotografien mit zum Beispiel Babypuppen in der Gosse, auch mal von einer daneben liegenden Auster begleitet. Überhaupt ist Essen ein zentrales Thema bei WOLS – neben der an Kertészs “Gabel” von 1928 gemahnenden Aufnahme eines abgegessenen Tellers werden am Ende seiner Schaffensphase hauptsächlich einzelne Nahrungsmittel in Nahaufnahme abgelichtet – eine Art moderner Variation des Stillebens aus der Rennaissance. Doch man kann den Photos entnehmen, dass ein entsagungsreiches Alltagsleben sehr wahrscheinlich die Motivation war. So bekommen ein paar Bohnen oder eine Pampelmuse eine Plattform wie nie zuvor.

Wols: Ohne Titel (Stillleben Esstisch, 1937) © VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Wols: Ohne Titel (Stillleben Esstisch, 1937)
© VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Was aber den populären “Renner” ausmachte, waren die Portraits seiner Pariser Künstlerfreunde, unter ihnen auch eine Reihe von Max Ernst-Portraits. Sie wirken nah und vertraut, aber nicht distanzlos, und die Idee, einige der Modelle “schlafend” darzustellen, war in den frühen 30ern sicherlich frisch genug, um “anders” und neu zu wirken. Interessant auch die (bezahlte) Tätigkeit, den Pavillon de L’Élegance für die Pariser Weltausstellung 1937 abzulichten. Anstatt das fertige Produkt zu fotografieren, interessierte sich WOLS hauptsächlich für die Dramaturgie des Aufbaus – halb fertige Figurinen, durch Baulichter angestrahlt, geben Impulse für eine völlig neuartige “Mode”-Fotografie, wahrlich ein “Neues Sehen”. Verkaufen ließen sich diese jedoch nicht.

Auffallend auch die Vogelperspektive auf ein Clochard-Duo, die ihre Wäsche an der Seine zum Trocknen ausgelegt haben – ohne Zweifel von einer der Seine-Brücken unbeobachtet von oben aufgenommen. Dieses Foto wirkt wie eine direkte Hommage an László Moholy-Nagy.

Oder aber die kleine Selbst-Portraitreihe mit Pflaster – zur Zeit seiner Auswanderung aus Deutschland gefertigt, als das Bauhaus kurz vor seiner endgültigen Schließung durch die Nazis eine kurze Schonphase in Berlin durchlebte. WOLS wurde zwar nie offiziell als Schüler eingetragen, hatte jedoch Verbindungen zum Bauhaus. So wirkt das Pflaster auf dem Gesicht wie eine Markierung – gleichsam das Stigma, Künstler zu sein – gebürtig aus einem Land, in dem jede Form der experimentellen Kunst für die nächsten 12 Jahre weitgehend an den Rand gedrängt werden sollte.

Foto: Barbara Streun

Foto: Barbara Streun

Michael Hering, begeisterter Mitherausgeber des umfangreichen 450 Seiten-Kataloges, nennt WOLS als Fotograf eine Schlüsselfigur und einen “Mythos”. Durch diese Ausstellung wird er zumindest vom Mysterium zu einer Person mit Profil – genauso wie die Chiaro-Scuro-Aufnahmen, die er von seinen Freunden machte. Mit einer geliehenen Kamera aufgenommen, stammen die letzten Fotos wohl aus 1942, als er mit seiner Frau Gréty unter ärmlichen Bedingungen im letzten unbesetzten Teil Südfrankreichs lebt.

Dort verstärkte sich sein Alkoholismus und holte ihn schließlich nach zehn Jahren trotz einer Entziehungskur wieder ein, als sein geschwächter Körper einer Fleischvergiftung nicht mehr standhielt. WOLS verstarb 1951 im Alter von nur 38 Jahren. Seiner Schwester Elfriede Schulze-Battmann und ihrem Nachlass ist es zu verdanken, dass sein fotografisches Werk heute gezeigt werden kann. Zu sehen sind etwa 700 größtenteils unbekannte Werke, teilweise in Originalabzügen.


“WOLS Photograph. Der gerettete Blick”
Fotoausstellung vom 15. März bis 22. Juni 2014
Geöffnet Mittwoch bis Montag, jeweils 10 bis 19 Uhr (Dientag geschlossen)
Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7

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