Mittwoch, 23. Mai 2018

Poesie und Verbrechen

Von Bevo Winterberg


“Am Rande des Glücks” heißt der neue Roman, den Autor René Hamann im Monarch am Kotti vorstellte. Eine merkwürdige Familie, ein paranoider Ich-Erzähler, die Liebe und das Verbrechen spielen die Hauptrollen in der fein gesponnenen Erzählung, die passenderweise im Kreuzberger Verbrecher-Verlag erschienen ist. Verleger Jörg Sundermeier freut sich immer noch darüber, dass Hamann sich vor Jahren hartnäckig dem Verlag als Autor andiente. “René passt mit seiner Poesie einfach wunderbar in unser Programm.”

Der Dichter selbst war ganz froh, im Monarch vor eher familiärer Kulisse lesen zu können. “Wer schreibt, gibt immer auch viel von sich selbst preis, und dies ist mein bisher persönlichstes Buch,” sagte er. “Da ist es beruhigend, wenn bei den ersten Lesungen nicht allzu viele Menschen zuhören.”


Am Rande des Glücks

“Man muss es machen wie die Elefanten, wenn sie traurig sind, wechseln sie den Standort”.

Traurigkeit ist mit Sophie, der pittoresken Schönheit, verknüpft, die auf der Beifahrerseite sitzt, aber im nächsten Moment unerreichbar weit weg ist. Wohin die Reise geht, scheint keine Relevanz zu haben, denn die Großstadt weist mit ihrer Kälte, dem Gestank und der Verwahrlosung die gleiche Fremdartigkeit auf wie das eigene Zuhause. Die Hauptfigur beobachtet still, beurteilt die Umgebung, greift nicht ein. Die Liebe macht befangen, denn sie lässt einen entgegen der Überzeugungen handeln, und doch steht sie am Ende immer als letzte Instanz.

Der Blick im Café nach den vorbeiziehenden Frauen ist flehentlich mit der Bitte, Sophie in ihnen zu begegnen und wird beim Herausgehen durch das Gefühl bestärkt, selber nichts zu hinterlassen – abgesehen vom dreckigen Geschirr. Das gleiche Motiv taucht wieder auf, als der Großvater stirbt und wenig später ein Besuch beim Vater ansteht. Dieser hat aber lediglich dem Portier Bescheid gesagt, dass er dringend ins Ausland verreisen musste. Wohin die Reise der Hauptfigur geht, scheint unklar, da in diesem Roman eine Sache feststeht: Trauen kann man dem Erzähler nicht.

Allein die präzisen Beobachtungen von Alltagssituationen sind sprachlich so stark und ausgefeilt, dass sie “Am Rande des Glücks” zu einem lesens- und empfehlenswerten Buch machen.



René Hamann: Am Rande des Glücks
Erschienen 10/2011 im Verbrecher-Verlag, Berlin
www.verbrecherverlag.de

Verbrecherversammlungen jeden 2. und 4. Dienstag im Monat
im Monarch am Kotti, Skalitzer Str. 134
www.kottimonarch.de

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