Donnerstag, 30. März 2017

Auf dem Weg zum werbefreien Bezirk?

Von Stella Hombach

Cuvry_Werbung

Junge, gut aussehende Menschen werden von leuchtenden Farbbeuteln getroffen. Die Plakatwand leuchtet und die Farben glitzern. Es ist Werbung für die Werbung. Denn „Außenwerbung. Trifft. Jeden. Immer, überall, 24 Stunden, unausweichlich, unübersehbar.“ Dieser Satz, diese Kampagne des Fachverbands für Außenwerbung (FAW) hat den Stein ins Rollen gebracht. Gegen diesen Anspruch der Unausweichlichkeit wendet sich das „Amt für Werbefreiheit und Gutes Leben“, das am 27. April offiziell in Friedrichshain-Kreuzberg eröffnet wurde. Die Initiative ist ein Zusammenschluss junger Leute, die sich für ein nachhaltigeres und teilhabenderes Leben einsetzten. 40 Mitglieder zählt sie bis jetzt, die meisten davon zwischen 18 und Ende 30.

Was will das “Amt für Werbefreiheit und Gutes Leben”?

Eines der ersten Ziele ist es, den Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain bis 2014 werbefrei zu gestalten. Das klingt utopisch, scheint aber im Bereich des Möglichen. Die Idee einer werbefreien Stadt ist nicht neu. Erste Modelle gibt es schon in São Paulo sowie in den US-Staaten Maine, Hawaii und Alaska. Auch Paris führte 2007 starke Werbebeschränkungen ein.

Noch im Juli dieses Jahres will das Amt einen ersten Einwohnerantrag bei der Bezirksverordnetenversammlung einreichen. Friedrichshain-Kreuzberg soll der erste Bezirk werden, der Berlinern, Zugezogenen und Touristen zeigt, wie Straßen und Gehwege ohne Werbung aussehen können. Sie sollen visuell erleben, wie sich das Stadtbild, das Stadtgefühl verändert, wenn H&M und Zalando aus dem öffentlichen Raum verschwinden. Eine Änderung der Sehgewohnheiten strebt das “Amt für Werbefreiheit” an, denn die Allgegenwart der Werbung werde von der Bevölkerung kaum noch hinterfragt. Die kaufanreizenden Bilder und Sprüche sind zur Gewohnheit geworden. Sie werden kommentarlos hingenommen. Das Amt will diese Gewohnheit aufbrechen und stellt nun Fragen. Das Thema soll Teil des öffentlichen Diskurs werden.

Der Ort, Stadt und Bezirk, ist dabei nicht zufällig gewählt. „Berlin ist eine kreative Stadt, die andere Wege geht“, sagt Sandra Franz, eine der Amtsaktiven. “Hier sind Veränderungen noch möglich. Friedrichshain-Kreuzberg ist dabei einer der wenigen Bezirke, der die Außenwerbung für Zigaretten und Alkohol bereits verboten hat.” Ein erster Austausch zwischen Bezirksregierung und Initiative findet schon statt. Bezüglich des Antrags scheinen beide optimistisch.

Kritik an der Konsumwerbung

Dabei ist die Initiative nicht gegen jede Art von Werbung. Gegen Produktinformationen vom Bäcker nebenan, gegen Prävention und Aufklärung, haben die Werbegegner nichts. Ihre Kritik wendet sich gegen die Konsumwerbung, die nur zum Kaufen anreizt, die zunehmend den öffentlichen Raum erobert und anfängt das Stadtbild zu dominieren. Was sie stört, sind die Slogans der FAW-Kampagnen. Sätze wie: „Sie (die Außenwerbung) steht im permanenten Kontakt mit der Bevölkerung. Dabei ist sie jedem Zielgruppenprofil gewachsen, denn mit ihrer Vielfalt und Omnipräsenz trifft sie sicher und zielgenau.“ Für Sandra Franz sind solche Aussagen schlicht und einfach „arrogant“.

Es geht der Initiative um die Rückeroberung des öffentlichen Raums. Fußgänger, Rad- und Autofahrer können sich den Werbebannern auf den Straßen nicht entziehen. An jeder Ecke, an jedem Gehweg, an jeder Häuserwand. An Haltestellen von U-Bahnen und Bussen. Wer nicht mit geschlossenen Augen zur Arbeit gehen will, kommt an dem Blick, an der Konfrontation mit der Werbung nicht vorbei. Er wird „getroffen“. Es geht also nicht nur um das Produkt Werbung, sondern vielmehr um die Gestaltung des öffentlichen Raums. Hier findet sich auch ein wichtiger Schnittpunkt mit der Bezirksregierung. Denn: „Der öffentliche Raum darf nicht privatisiert und von kommerziellen Interessen dominiert werden“, so Julian Schwarze von den Grünen. Der öffentliche Raum gehöre den Bürgern. Seine Interessen müssen vom Bezirk geschützt werden.

Öffentlicher Raum als Medium der Kommunikation

Anstelle von Plakatwänden will die Initiative jetzt Möglichkeitsräume schaffen. Der öffentliche Raum soll wieder zum Kommunikationsmedium für die Bürger werden. Sandra Franz lässt ihren Gedanken dabei freien Lauf. Vorstellbar ist es, die Plakatwände zur Kommunikation zwischen den Bürgen zu nutzen. Künstler könnten sie bemalen, Fußgänger stehenbleiben und mitten in der Stadt anfangen zu schreiben. Plakate als Riesenmalpapier für Kinder. Statt einseitiger Werbesprüche, könnte hier eine neue Form des Austausches stattfinden.

Zwei von Vermibus bearbeitete Werbeplakate.

Zwei von Vermibus bearbeitete Werbeplakate.

Wie anders das Gesicht einer Stadt aussehen kann, wenn Werbung durch Kunst ersetzt wird, zeigt beispielsweise der in Berlin lebende spanische Künstler Vermibus. Vermibus läuft in der Stadt herum, öffnet die Werbevitrinen an Bus- und Bahnhöfen, entfernt die Werbung aus ihrem Kontext und nimmt sie mit nach Hause. Dann übermal er sie. Gestaltet sie um. Das Gesicht Diors wird zur Fratze, das Modell von Escada zur expressionistischen Allegorie. Wenn die Farbe getrocknet ist hängt Vermibus die Bilder wieder zurück. Seine Kunst wird zur Irritationsfläche. Passanten bleiben stehen und machen Fotos. Es entsteht Kommunikation, es entsteht Austausch.

Wie geht es weiter?

Wie stark die Resonanz der Öffentlichkeit, allen voran der Medien ist, überrasch die Initiative selbst. „Mit soviel Aufmerksamkeit haben wir gar nicht gerechnet“, bemerkt Sandra Franz. Werbung, die Gestaltung von öffentlichem Raum scheinen wichtige Themen zu sein. Nicht nur für die Politik, sondern auch für die Bevölkerung. „Berlin könnte hier eine Vorreiterrolle spielen.“ Sie könnte zur ersten werbefreien Stadt Europas werden, schwärmt Sandra Franz. Ein Modellversuch, eine Avantgarde.

Zunächst muss allerdings erst einmal der Bürokratiewald geordnet werden. Wer ist für welche Werbefläche zuständig? Bezirk oder Senat? Welche Plakatwand ist in öffentlicher, welche in privater Hand? Wie sind die Zuständigkeitsbereiche verteilt und wie sieht der Vertrag zwischen der Stadt Berlin und den Werbefirmen aus? Dann folgt das Sammeln von Unterschriften und der Antrag wird eingereicht. Mal sehen, wie 2014 die Straßen von Friedrichshain-Kreuzberg aussehen werden.

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