Donnerstag, 30. März 2017

Schönes altes Kreuzberg

Von Bettina Klatz
Naunynstraße, um 1970  © Dieter Kramer

Naunynstraße, um 1970 © Dieter Kramer

Über viereinhalb Jahrzehnte dokumentierte der Fotograf Dieter Kramer den Wandel des einstigen Schmuddelkiezes SO36 vom punkigen Multikulti-Bezirk zum hippen Szeneviertel. Nun ist daraus ein wunderschöner Bildband entstanden: “Kreuzberg 1968-2013 – Abbruch, Aufbruch, Umbruch” heißt das 200-seitige Werk, das soeben im Nicolai-Verlag erschienen ist. Sorgfältig hat Kramer die Bilder ausgewählt und ihnen erläuternde, teilweise sehr persönliche Kommentare zur Seite gestellt, die das Buch auch für Nicht-Kreuzberger spannend machen.

Es gibt vermutlich kaum jemanden, die die Gegend und die Menschen zwischen Oberbaumbrücke und Moritzplatz besser kennt als Dieter Kramer, der Mitte der 60er Jahre als junger Student aus dem ostwestfälischen Minden nach Berlin kam und in Kreuzberg für 70 Mark Monatsmiete seine erste eigene Wohnung bezog. Mit der Kamera durchstreifte der Kunstpädagoge seinen Kiez, in dem damals hauptsächlich Arme und Ältere lebten. Im Laufe der 70er Jahre zogen viele türkische Familien in diesen östlichsten Zipfel West-Berlins, wo in heruntergekommenen Häusern zahlreiche Wohnungen leer standen und entsprechend billig zu mieten waren. Schließlich kamen Studenten und Aktivisten, die sich gegen die Kahlschlagpolitik des Senats wandten und die leerstehenden alten Gebäude nicht abreißen, sondern sanieren wollten.

Fotograf Dieter Kramer bei der Vorstellung seines Bildbandes

Fotograf Dieter Kramer bei der Vorstellung seines Bildbandes


Kramer, aktiv bei den Kreuzberger Jusos und selbst Streiter für eine behutsame Stadtsanierung, fotografiert mit seiner Spiegelreflexkamera die verfallenden Altbauten, die maroden Fassaden und verkommenen Hinterhöfe. Seine Bilder zeigen riesige Brachen, aus denen “moderne” Zweckbauten in den Himmel wachsen, wie am Wassertorplatz oder rund ums Kottbusser Tor. Er dokumentiert den Wandel des ehemaligen Bahngeländes des Görlitzer Bahnhofs von der Schutthalde zum Stadtpark mitsamt dem gut gemeinten, aber schlecht gemachten Bau des Pamukkale-Brunnens. Er zeigt die Erfolge des Widerstands gegen die Senatspläne, schön sanierte Gründerzeithäuser im Wrangelkiez, am Paul-Lincke- oder Fraenkelufer, wo heutzutage Höchstmieten erzielt werden. Es ist nicht ohne Ironie, dass die gut situierten Bewohner von heute ihre schicken Altbauwohnungen in Bestlage ausgerechnet den vielgeschmähten “linken Chaoten” von gestern zu verdanken haben.

Kramers Bildband nimmt den Betrachter nicht nur auf einen Spaziergang durch Kreuzberg mit, sondern auch auf eine kleine Zeitreise. Die vielen Panorama- und Luftaufnahmen, das Gegenüberstellen von “Damals” und “Heute”-Bildern und die kenntnisreichen Begleittexte machen es dem Leser schwer, das Buch wieder aus der Hand zu legen.

Nachdem die erste Buchpräsentation im Kreuzberg-Museum hoffnungslos überfüllt war, stellt Dieter Kramer sein Werk nun noch einmal in der Eisenbahn-Markthalle vor.


Kreuzberg 1968-2013 – Abbruch, Aufbruch, Umbruch
Buchpräsentation mit Autor und Fotograf Dieter Kramer
Mittwoch, 27. November, 19 Uhr
Markthalle Neun, Eisenbahnstr. 42
www.nicolai-verlag.de

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