Montag, 25. Juni 2018

Sind wir nicht alle ein bisschen orange?

Von Nicolai Klatz

Die Piraten in voller Beflaggung bei der "Freiheit statt Angst"-Demo in Berlin


Es war ein spektakulärer Wahlabend mit einem eindeutigen Gewinner. Fast neun Prozent der Stimmen konnte die Piratenpartei einfahren und wird nun gleich mit 15 Abgeordnten (mehr hatte sie auch gar nicht im Aufgebot) im Berliner Landesparlament vertreten sein. Das schmeckt naturgemäß SPD, CDU, Grünen und Linken wenig – doch es ein Signal der Veränderung und damit gut für Berlin.

Durch das schläfrig gewordene Abgeordnetenhaus soll künftig eine frische Brise wehen und vielleicht so manchem Politikverdrossenen den Glauben an eine lebendige Demokratie zurückbringen. Der Morgenpost zufolge haben die Piraten rund 21.000 Berliner aus dem Lager der Nichtwähler für sich mobilisiert und damit zu einem Anstieg der Wahlbeteiligung auf über 60 Prozent beigetragen – auch das eine gute Nachricht. Es wird spannend zu beobachten, wie die Piratenpartei sich in Fragen positioniert, die über die eigenen Kernthemen hinausgehen, und wie sie sich in der parlamentarischen Arbeit zurechtfindet. Fast fühlt es sich an wie ein Achtziger-Jahre-Revival, als die Bundesrepublik staunend zusah, wie ein bunter Haufen schlecht gekleideter Jutebeutelträger mit Strickzeug und Sonnenblumen in die ersten Länderparlamente einzog. Die Grünen wurden damals ebenso belächelt und von den Anzugträgern der großen Parteien verhöhnt wie heutzutage die Piraten. Ob man ihnen einen ähnlichen Werdegang wünschen soll, sei dahingestellt – ernst nehmen muss man sie nun allemal.

Die Berliner Wahlergebnisse zeigen, dass es nicht ausschließlich die jungen, internetaffinen Wähler sind, die den Piraten ihre Stimme gaben. Dass die Partei auch bei den “Non-digital-natives” höherer Altersklassen Zuspruch fand, liegt zum Teil an der Unzufriedenheit mit den Etablierten, zum großen Teil aber auch an der Offenheit der Piraten und ihrer Bereitschaft, Schwächen und mangelnde Kompetenzen einzugestehen und nicht schönzureden. “Wir haben die Fragen, ihr die Antworten” stand auf einem ihrer Wahlplakate zu lesen. Ihr Vorsitzender gibt zu, noch nicht viel Ahnung von parlamentarischer Arbeit zu haben, will sich aber um schnelles Lernen bemühen. Solche Aussagen ein wohltuender Kontrast zu dem üblichen Blabla von Politikern, die sich selbst und ihrer Partei umfassende Kompetenz attestieren und alle Lösungen zu kennen vorgeben, dann aber in den Augen der Bürger trotzdem nichts verbessern. Es ist gerade das “Nicht-Politikerhafte”, das den Neupolitikern in Orange so große Sympathien einträgt.

Die Piraten sind ein bisschen wie wir, die Wähler. Wir haben zu vielem eine Meinung, aber nicht von allem eine Ahnung. Trotzdem wollen wir gehört werden und unsere Interessen berücksichtigt sehen. Wir sind nicht perfekt, aber lernfähig, und wir mögen eine klare und direkte Sprache lieber als Worthülsen und Versicherungsvertreter-Rhetorik. FDP-Fatzken im Dienste der Hotel- oder Energiewirtschaft wollen wir nicht mehr sehen, und dem bräsigen Wowi würden wir gern ein bisschen Feuer unterm Hintern machen. Wir wollen nicht, dass Politik hinter verschlossenen Türen von Leuten gemacht wird, die die Stadt nur vom Rücksitz ihrer chauffeurgesteuerten Limousine aus kennen. Wir verwechseln vielleicht auch mal Millionen und Milliarden, wissen im Ernstfall aber, wo wir die richtigen Zahlen finden. Und wir können Zweifel und Meinungswechsel akzeptieren – auch wenn’s auf der politischen Bühne vielleicht dilettantisch wirkt.

Bei den gestrigen Fernsehrunden schlugen sich die Piraten schon mal nicht schlecht. Nur die Frage einer RBB-Reporterin, ob er die Höhe seiner künftigen Bezüge als Abgeordneter kenne, brachte Andreas Baum ein wenig ins Straucheln. „Ich glaube, das sind so 3000 Euro,“ sagte er. Die Reporterin korrigierte: „Es sind sogar noch mehr, mit allen Pauschalen und Bezügen kommen Sie auf über 4000.“ „Ach, echt?“ „Was machen Sie denn mit dem ganzen Geld?“ wollte die RBB-Frau in bester „Wer wird Millionär“-Manier wissen. Da war Baum nun wirklich überfragt. „Äh… das weiß ich jetzt noch nicht.“

Bleibt so, Jungs – und willkommen an Bord!

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