Donnerstag, 22. August 2019

Anfänge eines politischen Künstlers

Von Bevo Winterberg

Ai Weiwei's "Washington Square Park Protest"


22 Jahre alt ist der Chinese Ai Weiwei, als er nach New York geht und seiner Mutter zum Abschied sagt, dass er in einigen Jahren als ein neuer Picasso zurückkehren wird. Im Martin-Gropius-Bau werden nun über 220 Bilder aus seiner Zeit in der Lower Eastside ausgestellt. 53 Filmrollen aus 15 Jahren, die eine Masse aus unbekannten Gesichtern, Kunstwerken, Orten und Ereignissen zusammenfassen.

Ein junger 26 Jahre alter Ai Weiwei steht 1983 vor einem kleinen Lebensmittelladen in Williamsburg, Brooklyn, und schaut ernst in seine eigene Kamera. Knapp zehn Jahre später ist die schmächtige Statur einer kräftigeren gewichen und das jungenhafte Gesicht verbirgt ein dichter Vollbart. Was ist in den zehn Jahren passiert? Wir müssen davon ausgehen, dass sich das Selbstverständnis des Künstlers mit den Entwicklungen in der Lower Eastside zusammen entwickelt hat. Zudem hinterlassen die Eindrücke der westlichen Kunstwelt und der Besuch von Freunden aus aller Welt Spuren in dem Schaffen.

Die Fotos von 1986 bis 1987 sind vorwiegend der Aktivität Ai Weiweis geschuldet, die er selber als “Herumhängen” und “tagtäglich die Zeit vertreiben” bezeichnet. Wir sehen Orte und Freunde wie Allen Ginsberg, der gerade vor der Toilette steht, telefoniert oder in seinem Bett liegt. Aufnahmen aus der Wohnung, Ai Weiwei nackt in seinem Wohnzimmer. Bilder, die den Eindruck eines priviligierten, sorgenfreien Studentenlebens erwecken. 1988 erfolgt eine Wende, und der Fokus der Bilder richtet sich auf urbanen Zerfall, Obdachlosigkeit und politischen Aktivismus.

Die Bewusstwerdung über den Einfluss von Bildern lässt spät ein Motiv erkennen. Ai Weiweis Bilder verfolgen keinen künsterischen Anspruch, keine ästhetischen Überlegungen stecken dahinter, sondern sie dienen mehr der eigenen Überraschung. Fotografieren wird zu einem Reflex, “einem nervösen Zucken”, das vielleicht gar nicht so sehr das Interesse der Öffentlichkeit auf sich gezogen hätte, wenn im East Village Mitte der 80er Jahre nicht der Gentrifizierungsprozess eingesetzt hätte und viele Menschen von der Obdachlosigkeit bedroht waren. Ai Weiwei war vor Ort, als im Tompkins Square Park Obdachlose Opfer von Übergriffen durch die Polizei wurden, die die dort enstandenen Lager auflösen wollte. Die Stadt war an einem Punkt angelangt, wo Probleme wie Kriminaliät und Heroinsucht immer offenkundiger wurde, allerdings reduzierten sich die staatlichen Maßnahmen auf Repression und Gewalt. Eines der Bilder, die einen blutenden Demonstranten zeigen, der von einem Polizisten angegriffen wird, landete später als Beweismaterial vor Gericht und hatte eine Beschwerde zur Folge.

Es gibt eine Reihe von Selbstportraits, die den Eindruck entstehen lassen, dass Ai Weiwei ein Fremder bleibt, der nur die Eindrücke um ihn herum festhält. Der Blick ist forschend, wenn er sich in der Reflektion eines Türknaufs fotografiert, als würde er sein Spiegelbild von allen Seiten betrachten. Andy Warhol ist stets präsent, wie in Zhou Lin and Carmas Gift von 1986, wo eine gerahmte Litographie von Mao an der Atelierswand hängt.

Wir begleiten Weiwei auf eine Reise, die uns viel von seiner Person verrät und dem Verständnis, dass Kunst nichts mit Fertigkeit zu tun hat, sondern mit bewusster Lebensführung. Wir schauen mit seinen Augen und sind wie er auf der Suche. Wir werden Zeuge von Gewalt, brennenden Flaggen, blutenden Demonstranten und Kriegsveteranen. Wir werden Zeuge von dem Wunsch nach Demokratie und dem Verhältnis zwischen Macht und Machtmissbrauch.

Um ein Verständnis dafür zu bekommen, warum Ai Weiwei dieser politische Künstler geworden ist, bietet diese Ausstellung einen guten Ansatz.


Ai Weiwei in New York
Ausstellung im Martin-Gropius-Bau bis zum 18. März 2012
Geöffnet Mittwoch bis Montag 10 bis 20 Uhr (Dienstag geschlossen)
Am 24. und 31. Dezember geschlossen, Dienstag nach Weihnachten (27.12.) geöffnet.
Eintritt: 8 Euro (ermäßigt 5 Euro), bis 16 Jahre frei.