Mittwoch, 19. Dezember 2018

Die Damen von New York

Von Cornelia Brelowski

Zwei Damen im Automatenrestaurant NYC 1966 © The Estate of Diane Arbus

Selten lächelnd, doch der Blick authentisch und wie ein Fenster der Seele festgehalten. So porträtierte die Amerikanerin Diane Arbus die Menschen – quer durch die Gesellschaft. Arbus fotografierte radikal-demokratisch die High Society, die Normalos und die Freaks und “schloss damit den Kreis”, wie sie selbst sagte.

Die erste Berliner Einzelausstellung für Diane Arbus findet erst über 40 Jahre nach ihrem Tod nun im Martin-Gropius-Bau statt.

Fotografische Retrospektiven haben in deutschen Museen wenig Tradition, so Gereon Sievernich, der Direktor des Gropiusbau, in einem Gespräch mit Kreuzberg-Nachrichten. Anders als in den USA, wo beispielsweise das Metropoliten Museum of Art in NY seit den 20er Jahren Fotografieausstellungen unterstützt. Die Nazizeit hatte ein gerade erst erblühendes Interesse an der Fotografie als Kunstmedium roh unterbrochen, und nach dem Krieg dauerte es seine Zeit, bis dort wieder angeknüpft werden konnte. Auffangen tut diese Lücke in Berlin das Newton-Museum, das mutige C/O Berlin in Mitte und nicht zuletzt der Martin-Gropius-Bau, dessen Foto-Ausstellungen durchweg ein beträchtliches Maß an Umfang und fundierter Recherche aufweisen.

In dreijähriger Zusammenarbeit mit dem Jeu de Paume-Museum Paris und dem Metropolitan Museum of Art in New York ist eine Retrospektive entstanden, die sich sehen lassen kann. Achronologisch kuratiert, sprechen die Bilder für sich und werden schlüssig durch persönliche Notizen, Veröffentlichungen und weiteres Dokumentations-Material ergänzt.

Arbus begann 1948 mit Modefotografie, künstlerisch unterstützt von ihrem Mann, finanziell von ihrem Vater David Nemerov, für dessen Kaufhaus an der Fifth Avenue in New York sie auch die ersten Aufträge ausführte. Es dauerte nicht lange und sie wurde für den Condé Nast Verlag (Vogue, Glamour) und Harper’s Bazaar tätig. Doch ab 1958 beschritt sie einen neuen Weg, der ihr unter anderem durch die Fotografin Lisette Model vorgezeichnet wurde: eine authentisch-humane Fotografie in der Tradition des neuen Sehens nach August Sander. Sie suchte hinfort andere Seiten der Gesellschaft auf; fotografierte in der Transvestitenszene New Yorks, in Freakshows und in den Parallelwelten der Kleinwüchsigen und der Behinderten.

Ihre radikal-demokratische und revolutionelle Eigenart, alle in der gleichen Art und Weise abzulichten, den Freak wie die Reichen und Schönen, kreiert in ihrer Mischung eine beinahe schon verstörende anthropologische Analyse der westlichen Gesellschaft.

Was die erst kürzlich entdeckte Vivian Maier in den 50ern intuitiv als Schnappschussfotografie auf der Straße betrieben hatte, brachte Arbus in den 60ern durch mit der Rolleiflex inszenierte Bilder zum Ausdruck: Eine zutiefst humane Fotografie, die der Gesellschaft und dem Betrachter selbst den Spiegel vorhält.


Ausstellung Diane Arbus
Martin-Gropius-Bau, Niederkirchner Str. 7
22. Juni bis 23. September 2012
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Montag 10 – 19 Uhr, Dienstag geschlossen

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

* Copy This Password *

* Type Or Paste Password Here *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>