Montag, 17. Februar 2020

Fette Beats und gute Taten

Von Funda Agirbas

Ihr Name ist Programm: Irie Révoltés haben Spaß, eine Meinung und viele Anliegen. Nächste Woche spielt die energiegeladene Combo im SO36.

Das Café Kotti ist bereits am frühen Nachmittag gut gefüllt. Die multikulturelle Atmosphäre hier passt bestens zu dem bevorstehenden Interview mit den beiden Sängern Carlito (31) und Mal Élevé (28) von Irie Révoltés. Die ursprünglich aus Heidelberg stammende neunköpfige Band engagiert sich mit kraftvollen Songs, satten Beats und großem sozialem Engagement gegen Rassismus, Diskriminierung und Ausbeutung. Anlässlich des bevorstehenden Konzerts am 11. November im SO 36 standen die Jungs den Kreuzberg-Nachrichten Rede und Antwort.

Kreuzberg-Nachrichten: Es gibt bestimmt einige Leser, die euch noch nicht kennen. Daher stellt euch und eure Band einfach kurz vor.

Carlito : Ich bin Carlito, der eine Sänger der Band.

Mal Élevé : Mein Name ist Mal Élevé, ich bin Carlitos Bruder und der zweite Sänger der Band. Wir sind insgesamt zu neunt, also eine große Rhythm Section. Wir haben noch einen Sänger, der auf Deutsch rappt, Silence ist sein Name. Bereits seit zehn Jahren machen wir zusammen Musik und sind viel unterwegs. Bald sind wir sogar im SO36, am 11.11. genau. Gemeinsam machen wir einen musikalischen Mix aus Reggae, Hip Hop, Ska und auch Punk. Es ist sehr schwer, unsere Musik zu definieren, weil wir kein bestimmtes Genre machen, sondern genreübergreifend sind.

XN: Eure Bandgeschichte begann im Jahr 2000 in Heidelberg. Was hat euch nach Berlin verschlagen?

C: Verschiedenste Gründe. Es sind zwar nicht alle aus unserer Band in Berlin, aber der größte Teil ist mittlerweile hier. Der Rest ist in ganz Deutschland verteilt. Konkret? Na ja, jeder ist aus ganz eigenen Gründen hier gelandet. Einer davon ist beispielsweise unser letztes Album. Das haben wir bereits hier produziert, also in Berlin hauptsächlich. Ich bin schon fünf Jahre in Berlin, ein Teil der anderen sogar noch länger. Wie fühlen uns hier zu Hause und sehr wohl.

XN: “Irie” stammt meines Wissens aus der jamaikanischen Kreolsprache Patois und kann mit positiv, glücklich oder frei übersetzt werden. „Révoltés“ steht im Französischen für Aufständische. Wie steht dieser Name mit eurer Musik in Verbindung?

M. E. : Letzen Endes drücken diese beiden Wörter genau das aus, was unsere Band nach außen verkörpern möchte. Einmal „Irie“, das Fröhliche, Positive und Energiegeladene, was unsere Songs und Live-Shows ausmacht. Und auf der anderen Seite „Révoltés“, die gesellschaftskritischen Inhalte, über die wir singen. Für uns ist es wichtig, gerade diese beiden Elemente zu kombinieren. Das machen wir live auf der Bühne und versuchen es in den Songs auch rüberzubringen. Das heißt, wir versuchen gesellschaftskritische Texte auf eine energiegeladene, positive Art und Weise zu präsentieren, also nicht negativ oder depressiv zu sein. Das würde für uns keinen Sinn machen, wir wollen schließlich etwas verändern.

XN: Ihr seid eine der wenigen deutschen Bands, die mit revolutionären Botschaften auf sich aufmerksam macht. Wo liegen eurer Meinung nach die größten Missstände global und national?

M. E.: Das ist eine gute Frage, aber pauschal schwer zu beantworten. Es gibt unzählige Missstände. Alleine, dass wir schon drei Alben gemacht haben, die sich inhaltlich immer um etwas anderes drehen, zeigt, dass uns viele Dinge beschäftigen. Konkret ist gerade die Wirtschaftskrise eines unserer Aushängeschilder. Wir finden, dass einiges an diesem Wirtschaftssystem nicht funktioniert und der Kapitalismus an seine Grenzen gestoßen ist. Ein weiteres wichtiges Element ist für uns auf jeden Fall Antirassismus. Ein Beispiel sind die krassen Attentate in Norwegen oder auch die Angriffe in Berlin, die wieder häufiger geworden sind. Im Sommer gab es erneut Brandanschläge auf linke Häuser und Einrichtungen. Unter anderem die krasse Nacht am Mehringdamm. Da wurde auf Leute eingeschlagen, ohne dass die Polizei etwas dagegen unternommen hat. Dieser ganze Rechtspopulismus ist ein starkes Thema bei uns. War es von Anfang an, ist es immer gewesen und wird es auch künftig immer sein. Schon weil sich daran leider in naher Zukunft nicht so viel ändern wird.

C: Noch hinzufügen kann ich, dass es uns sehr wichtig ist, nicht nur zu reden, weil reden ja jeder kann. Für uns ist es besonders wichtig, Dinge in die Tat umzusetzen. Wir unterstützen viele Organisationen. Mal Élevé ist sogar Mitbegründer einer dieser Organisationen, die sich „Rollis für Afrika“ nennt. Nicht nur labern, sondern machen ist ein wichtiger Punkt, der unsere komplette Bandphilosophie betrifft.

XN: Wer hat euch in eurer Entwicklung stark beeinflusst, was eure Werte betrifft?

M.E.: Gerade bei uns, wir beide sind ja Brüder, sind es primär unsere Eltern gewesen, die uns prägten. Sonst natürlich auch das Heidelberger Umfeld. In Heidelberg war damals politisch etwas mehr los als jetzt. Das hat sich leider geändert. Damals gab es noch das AZ, das Autonome Zentrum und ähnliches. Außerdem natürlich auch die subkulturelle Szene und die Hip Hop-Szene. Diese ganzen Zusammenhänge haben dazu beigetragen, das aus uns zu machen, was wir heute sind.

C.: Wir haben verschiedene Hintergründe und einige von uns kommen aus der Punk-Szene, die früher in Heidelberg sehr groß war. Das hat sich allerdings schon damals geändert. Wir wurden leider verjagt. Im Rahmen der „Sauberen Innenstadt”-Politik haben wir aus dem Nichts heraus Stadtverbot bekommen. Auch das hat uns sehr beeinflusst. Wir sind neun Leute und jeder hat seine ganz eigenen Einflüsse, die ihn geprägt haben. Aber die politische Message war für uns alle von Anfang an ein Grundelement von dem Projekt „Irie Révoltés”.

XN: Neben eurem musikalischen Potest engagiert ihr euch für Projekte im sozialen Bereich wie “Rollis für Afrika”, “Viva con Agua” oder “Kein Platz für Rassismus”. Was sind das für Projekte und welche Motivation steckt dahinter?

C: Gerade diese drei Projekte sind uns besonders wichtig, weil wir da mehr machen als nur Soli Gigs oder so. Wir engagieren uns zwar auch für viele andere Aktionen, aber bei den genannten besteht eine enge Verzahnung zwischen Band und Projekt. Zu „Rollis für Afrika“ wird Mal Élevé als Mitbegründer gleich mehr berichten. Zu „Viva con Agua“ kann ich noch sagen….. (zu Mal Élevé) wie haben wir uns eigentlich nochmal getroffen?

M. E.: Na in der Flora…

C: Ach ja, wir hatten ein Soli-Konzert in der Flora in Hamburg. Da kamen sie auf uns zu und wir kamen ins Gespräch. Seitdem haben wir sehr viele Projekte zusammen durchgeführt. Zum Beispiel haben wir einen Teil der Einnahmen aus dem Verkauf unseres ersten Albums für die Fertigstellung einer Trinkwassereinfassung gespendet. (Zu Mal Élevé) Wann wird das noch mal genau durchgeführt? Im Februar, oder?

M. E.: Genau.

C: Sie wird in Uganda eingebaut. Da gab es übrigens auch einen „Wassermarsch” wodurch auf die Trinkwassersituation aufmerksam gemacht werden sollte. Wir haben mittlerweile sehr viele Aktionen gemeinsam durchgeführt und es hat sich eine richtige Freundschaft zwischen uns entwickelt. Wir schauen einfach, was wir füreinander tun können. Dabei geht es nicht nur um das Finanzielle. Das ist nicht unser Fokus. Wir wollen nicht nur Geld reinhauen, sondern selbst aktiv werden.

M. E.: Vielleicht noch für die, die gar nicht wissen, um was es bei „Viva con Agua“ geht. Es geht darum, Trinkwasserboden für Regionen zu gewinnen, in denen es kein sauberes Trinkwasser gibt. Sie versuchen, etwas gegen die Wasserknappheit zu tun… ja, sauberes Trinkwasser, darum geht es vor allem. „Rollis für Afrika” ist ein Projekt, das körperlich behinderten Menschen helfen möchte. Gestartet wurde es in Senegal. Zusammen mit Leuten vor Ort, die selbst körperlich behindert sind und dort eine Organisation aufgebaut haben. Wir unterstützen dieses Projekt, indem wir in Deutschland Rollstühle oder Gehstützen sammeln und sie per Container nach Senegal schicken. Dort werden sie dann an körperlich Behinderte verteilt. Das Ganze habe ich mit einem Freund, der selbst auch im Rollstuhl sitzt, ins Leben gerufen und die Band war von Anfang dabei. Wir unterstützen sie mit Konzerten oder sammeln auf Touren. Wir hatten beispielsweise einen Aktion, wo Leute, die einen Rollstuhl spenden, umsonst auf unser Konzert kommen und so. Wir versuchen die Leute, oder unsere Fans mit einzubinden, damit sie aktiv an den verschiedenen Projekten teilnehmen können, die wir unterstützen.

XN: Wie kann man euch konkret bei eurem Projekt „Rollis für Afrika” unterstützen?

M.E.: Auf unserer Homepage haben wir eine Kontaktadresse für die Projekte hinterlegt (www.irie-revoltes.de/projects). Da kann jeder, der helfen möchte, einfach hinschreiben. Lagerräume haben wir sowohl in Berlin als auch in Heidelberg. Das heißt, wenn jemand Gehhilfen zu Hause hat, dann kann er uns kontaktieren und wir koordinieren die Abholung. Oder sie bringen die Gehhilfen einfach selbst vorbei. Ansonsten kann sich auch jeder mit eigenen Ideen einbringen. Auf unseren Konzerten bieten wir immer mal wieder unterschiedliche Plattformen dafür. Wir versuchen einen Anreiz zum Mitdenken zu schaffen, damit die Leute kreativ werden und sich aktiv einbringen.

C: „Viva von Agua” gibt es mittlerweile auch in Berlin. Falls sich jemand dafür interessiert, kann er einfach Mitglied werden. Das sind junge Leute und machen richtig geile Aktionen, überlegen sich coole Sachen, die Spaß machen und gleichzeitig etwas Nützliches bringen.

M.E.: Aktuell haben wir eine neue Kampagne ins Leben gerufen. „Make some Noise!” Die richtet sich gegen Homophobie in der Reggae- und Hip Hop-Szene. Das ist ein sehr wichtiges Thema für uns. Wir finden es schade, dass von der Szene selbst kaum Statements dazu kommen. Die Kritik kommt meist von außerhalb, beispielsweise von Schwulenverbänden. Deshalb haben wir diese Kampagne ins Leben gerufen. Am 12. November, also nach unserem Auftritt im SO 36, wird das Eröffnungskonzert zu dieser Kampagne im Lovelite in Friedrichshain stattfinden. Wir werden den Leuten nun längerfristig die Möglichkeit geben, sich selbst zu positionieren und ein klares Statement abzugeben.

XN: Eure letzte Tour stand unter dem Motto „Protest gegen die Residenzpflicht”. Könnt ihr das kurz erläutern?

M.E.: Residenzpflicht ist ein ungeschriebenes Gesetz, eine Praxis von deutschen Ausländerbehörden – eigentlich in jedem Bundesland. Menschen die einen laufenden Asylprozess haben, dürfen ihren Landkreis nicht verlassen. Konkret wird das vor allem in krassen Landkreisüberschneidungen, wie zum Beispiel in Mannheim. Die Asylbewerber dürfen nicht über die Brücke nach Ludwigshafen, nur weil es ein anderer Landkreis ist. Oder Brandenburg: es ist ihnen nicht gestattet nach Berlin zu kommen. Das ist für uns das krasseste Phänomen der deutschen Asylpolitik. Den Asylbewerbern stehen unter anderem nur 70 Prozent des Existenzminimums zu, sie dürfen nicht arbeiten und sich nicht frei bewegen. Ein totales Unding. Das war für uns der ausschlaggebende Punkt, im Rahmen von „Mouvement Mondial” etwas dagegen zu tun. Wir können uns schließlich frei bewegen, und das sollte jedem möglich sein. Es ist eine Schande, dass es so was überhaupt noch gibt. Für uns ist es ein eindeutig rassistisches Gesetz. Aber die meisten Leute kennen dieses Gesetz gar nicht, oder ignorieren es, deshalb wollten wir im Rahmen der Tour darauf aufmerksam machen.

XN: In den nächsten Monaten seid ihr wieder europaweit unterwegs. Unter anderem tretet ihr am 11.11. im SO 36 auf, also sozusagen ein Heimspiel. Ist das für euch ein besonderer Auftritt?

C: Auf jeden Fall! Das SO 36 stand kurz vor der Schließung wegen der “netten” Nachbarn. Wir haben bereits innerhalb unserer Tour dort gespielt, und es ist schon eine Bindung zu dem Club da. Es ist ein Kultclub und wir hoffen, dass es ihn noch lange gibt. Deswegen freuen wir uns sehr, da noch mal auftreten zu können und mit den Leuten dieses ganze Ding zu feiern. Klar, Heimspiel. Das wird richtig fett!

M.E.: Vor allem ist das SO 36 ein Club, der sich engagiert. Als wir ihnen beispielsweise von der Kampagne gegen Homophobie erzählten, waren sie sofort dabei und wollten uns unterstützen. Ein kleiner der Teil der Einnahmen aus dem Konzert fließt deshalb in die Kampagne. Wir als Band geben einen Teil dazu, aber das SO 36 selbst auch. Die sind für solche Sachen immer zu haben, und das zeichnet das SO 36 definitiv aus.

XN: Euer letztes Album „Mouvement mondial” ist 2010 erschienen. Arbeitet ihr bereits an einem neuen Album?

C: Momentan haben wir einen anderen Fokus. Wir nehmen demnächst unsere erste Live-DVD auf. Endlich! Das war immer ein großer Traum von mir. Es ist aber sehr schwer, so was umzusetzen und die richtigen Leute dafür zu finden. Leider wird das nicht hier stattfinden, sondern in Süddeutschland. Am 23. Dezember im Capitol Mannheim nehmen wir es auf. Der Kartenverkauf läuft gut, die erste Show ist schon fast ausverkauft. Deswegen werden wir noch eine Zusatzshow machen, einen Tag vorher. Das ist momentan unser Fokus. Es ist viel Arbeit und wird bis ungefähr Mitte Februar andauern. Dann sehen wir bezüglich eines neuen Albums weiter.

XN: Was hat euch eigentlich bewegt, eure Songs in deutsch-französicher Sprache zu verfassen?

C: Es hat sich irgendwie so entwickelt. Wir spielen zwar viel in Europa, aber unser Fokus liegt schon in Deutschland. Es ist uns wichtig, dass die Leute unsere Texte verstehen. Auch wenn sie nicht auf unseren Konzerten sind, wo wir ja meistens ankündigen, um was es in den Songs geht. Das war eigentlich der Hauptanlass.

XN: Auf eurer Homepage kann man das Révoltés TV verfolgen. Was ist das?

C: Vor einigen, oh Gott… (überlegt) Jahren habe ich einen Blog geschrieben. Dadurch entstand eigentlich die Idee des Web-TVs. Bewegte Bilder sind dann doch irgendwie interessanter. Am Anfang haben wir das sehr intensiv gepflegt. Es gab viele Folgen und wir hatten viele Zuschauer und Zuschauerinnen. Aber mit der Zeit mussten wir es etwas runterfahren, da es logistisch und zeitlich einfach zu viel wurde. Mit Révoltés TV wollten wir unseren Fans einen Blick hinter die Kulissen ermöglichen. Welche Projekte wir machen und so. Es ist eigentlich sehr informativ und lustig. Wir versuchen, das Ganze eben interessant zu halten. Wir können das zurzeit leider nicht mehr vor jedem Konzert machen, da reicht uns die Zeit einfach nicht dafür. Aber wir werden es auf jeden Fall weiter führen.

XN: Vielen Dank für das nette Gespräch. Möchtet ihr unseren Lesern zum Abschluss noch etwas mit auf den Weg geben?

M.E.: Kreuzberg ist ein Viertel, das ich von Anfang an geil fand und ich hoffe, dass es so bleibt, wie es ist. Ich meine, dass die Sanierungen im negativen Sinne nicht so krass voran schreiten, wie es momentan den Anschein hat. Kreuzberg soll nicht versnobt werden, das wäre einfach schade. Die Leute sollten zu diesem Zweck zusammenhalten und darauf achten, dass die coolen Dinge in Kreuzberg erhalten bleiben, wie zum Beispiel das SO 36!

C: Find ich gut, da schließe ich mich an.

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