Freitag, 24. November 2017

“Hope the trip is worth it”

Von Cornelia Brelowski

Bowie_Berliniggy

Der Ausstellungskatalog heißt in der englischen Ausgabe “David Bowie Is”; nur um dann zu zeigen dass Bowie, wie immer, alles sein könnte und kann. Dazu die Kuratorin Victoria Broackes bei der Pressekonferenz: “We are posing a question – we are not answering it.” Hier geht es also um die Suche – nach einem ewig Suchenden. Einen Teil der Antwort hat Bowie selbst bekannterweise in Berlin gefunden.

Der Versuch, am Anfang der übervollen Pressekonferenz etwas Spannung aufzubauen (“Herr Bowie… kann leider nicht”) ist dann auch quasi folgerichtig ein weiteres Glied in der langen Kette der Versuche von Menschen, die sich Bowie suchend nähern – seien es nun die Sponsoren, die wahlweise sich oder ihre Freunde nacheinander als Rockliebhaber, Kulturförderer oder gar, so die an der Ausstellung maßgeblich beteiligte Audiofirma Sennheiser, ihr eigenes Konzept als “Gesamtkunstwerk” bezeichnen – die große Frage bleibt im Raum: Was machen wir eigentlich hier? Und wo ist das eigentliche Gesamtkunstwerk Bowie?

Eduard “Edu” Meyer, seines Zeichens ehemaliger Hansastudio-Toningenieur, ist der einzige, der uns darüber Aufschluss geben kann, wie sich Bowie nun eigentlich zu der umfassenden Ausstellung um die Facetten seiner eigenen Person verhält – und er sitzt noch nicht einmal auf dem Podium. Netterweise liest er uns nämlich Bowies Antwort auf seine Email an den Künstler vor, in der er seinem ehemaligen Arbeitgeber ankündigt, zur Berliner Ausstellung zu pilgern. Bowies Antwort spricht Bände: “Hope the trip is worth it. LOL. db”

David Bowie Ausstellung MGB Berlin Foto © Barbara Streun

David Bowie Ausstellung MGB Berlin Foto © Barbara Streun

Dies klingt nach gesunder Distanzierung – denn einer der ersten Gedanken, die sich aufdrängen, wenn man das Bowieversum der Ausstellungsräume betritt, ist dieser: wie jemand sich wohl fühlen mag, wenn er durch all diese Facetten seines eigenen ikonisierten Ichs spaziert.

Toningenieur Meyer weiß später kaum, wie ihm geschieht – denn durch seinen quasi einzigen authentischen Beitrag zur PK hat er sich, ob gewollt oder nicht, prompt mehrere Interview-Anfragen eingefangen. Die wird er geben, denn er ist ein netter Mensch, der es im Übrigen mit der Ikonisierung nie so hatte. Deswegen ist David Bowie ihm vielleicht auch immer noch erhalten geblieben.

Natürlich gehört diese Ausstellung auch nach Berlin und natürlich wird folgerichtig der Firma “Avantgarde”, die sich passenderweise nach eigener Werbung auf “Kultureinrichtungen und Markenwelten” konzentriert, gedankt, dass sie sich dieses “Risiko” der selbstfinanzierten Ausstellung leistet. Man ahnt jedoch: niemand, der die Marke Bowie propagiert, wird wirklich baden gehen. Und es beschleicht einen außerdem das wage Gefühl, Herr Bowie selbst hat die Markenwelten nun vielleicht auch mal satt. Die Texte seines vermeintlich locker flockig daherkommenden Come-Back-Albums von 2013 “The Next Day” beschwören eine eher politisch kritische Haltung und der uralte zynische Song “Fame”, seinerseits mit einem anderen bekannten Zyniker der Popwelt namens John Lennon zusammen geschrieben, gilt fraglos auch heute noch: “Fame, bully for you, chilly for me …“

Doch wir sind hier in Berlin – eben jenem Berlin, das David Bowie in Schaffenskrisen wahlweise als wohltuendes Realitätspflaster oder als Spielfeld des sich Verlierens und Findens aufsuchte: “It’s a city so easy to get lost in – and to find oneself, too.” (Bowie, 2001) Und dieses Berlin, das gibt es noch, wenn man nur ein wenig hinter die Disneywelt der Trabbisafaris schaut. Denn Berlin, fortwährend in Dekonstruktion und Wiederaufbau begriffen – Berlin, die offene Wunde, stolz auf seine Geschichte und voller Suchender und hoffentlich auch Findender: Es wird Herrn Bowie auch heute noch mit viel Wärme willkommen heißen; wenn auch zunächst nur in der Form der Ausstellung rund um sein Lebenswerk. Denn trotz all der fast unvermeidlichen Schmarotzerattitüden – zumindest schafft es diese Ausstellung, eine Werkschau zu sein und die künstlerische, wenn nicht gar spirituelle Suche des Künstlers nachzuzeichnen. Der Zugang zu den Privatarchiven Bowies hat da ohne Frage eine große Rolle gespielt und war zweifellos eine sehr generöse – und auch unternehmerisch gesehen geschickte Geste des Meisters.

Doch zurück zur Suche: Was ist denn für die relativ Bowie-sicheren Berliner nun wirklich interessant an der aus London eingekauften Bombast-Ausstellung rund um das Popidol?

“Heroes” Contact Print (Piece No. 32), 1977 Foto © Masayoshi Sukita  The David Bowie Archive

“Heroes” Contact Print (Piece No. 32), 1977 Foto © Masayoshi Sukita
The David Bowie Archive

Wer sich vom angepriesenen 3D-Sound des Audioguides nicht ausschließlich dirigieren lässt, sondern ganz im Sinne der Bowieschen Individual-Rebellion in Eigenregie durch die Ausstellung stapft und seinen eigenen Sinneseindrücken traut, der wird relativ zügig zur Berlin-Sektion gelangen – und hier überraschend von Ölbildern empfangen. Denn der Berliner Teil der Ausstellung verfügt über stolze 60 Extra-Disponate, die so in London nicht zu sehen waren. Unter anderem Erich Heckels “Männerbildnis”, welches Bowie zu seinem Cover für das 1977 entstandene Album “Heroes” bewegte und auch Heckels Bildnis von Kirchner (“Roquariol”, 1917). Sieh an, Herr Bowie war nämlich zur Zeit der Aufnahmen zu seiner Berlin-Trilogie zur ganz persönlichen Erquickung oft im Brückemuseum in Dahlem anzutreffen. Und so erstaunt es dann nicht, dass David Bowies eigener Stil sich stark am deutschen Expressionismus orientiert. Erst beim Malen konnte er ganz zu sich kommen, so Bowie. Da sprach ihm niemand hinein und es herrschte kein Erfolgsdruck. Und so sind die Portraits von Freunden, darunter Iggy Pop, dann auch ganz im Stil des Expressionismus gehalten und voller (Überzeugungs-) Kraft. Niemand außer vielleicht Madonna hat es so geschafft wie Bowie, sich als Popstar immer wieder neu zu inszenieren. Doch vielleicht liegt es in diesen wenigen Portraits, den eben nicht ausgebeuteten Zeugen seiner Schaffenskraft, zu zeigen, wer der Mensch Bowie ist – nämlich ein Künstler, der immer neue Wege suchte oder suchen musste, um sich zu finden – und um nicht einer Marke gerecht zu werden, sondern sich selbst.

In der Portrait-Sektion, die den letzten Teil der Ausstellung ausmacht, fällt übrigens ein Bild auf, nicht nur weil es relativ aktuell ist (2013), sondern weil es einmal nicht ausschließlich die Ikone Bowie, sondern zusätzlich ein Photo im Photo zeigt. Auf diesem sind Bowie und William S. Burroughs’ zusammen zu sehen – der Beat-Poet als Inspiration für den Suchenden. Und dieses Photo steht nicht etwa neben ihm – es hängt über ihm. Bowie, darunter sitzend mit Hut und Stock – sieht aus, als sei er gerade von einer Wanderschaft zurück. Und das ist Merkmal eines spirituellen Menschen, der Künstler ist: Er weiß, dass zur Inspiration auch Demut gehört. Es scheint, Herr Bowie ist bei sich angekommen. Nun müssen wir ihn nur noch erkennen – als Mensch, nicht als Ikone.

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