Dienstag, 29. September 2020

Pilger der Farbe

Von Cornelia Brelowski
© Martin-Gropius-Bau

Paul Klee mit der Katze Fripouille (1921) © Klee-Nachlassverwaltung Bern

Der Martin-Gropius-Bau zeigt die Ausstellung “Kosmos Farbe: Itten-Klee”. Cornelia Brelowski hat sie für uns besucht.

Paul Klee und Johannes Itten – Künstler, Pädagogen und Wegbereiter der Moderne – haben sich beide eingehend mit dem Thema Farbe auseinandergesetzt. Die Annahme, sie mögen sich gegenseitig befruchtet haben, mag stimmen, obwohl ihr Einfluss am Bauhaus von sehr unterschiedlicher Natur und Dauer war und sich ihre gemeinsame Lehrzeit nur für eine Dauer von zwei Jahren überschnitt.

Itten schnupperte vier Jahre lang die Bauhausluft, bis er dem Leiter Walter Gropius zu esoterisch in seinen Ansätzen wurde: Gropius wollte den neuen Künstler, der sich in der industrialisierten Welt zurechtfand und diese mitgestaltete, Itten dagegen wollte gleich ganzheitlich gesehen den neuen Menschen.

So verließ Itten das Bauhaus 1923, um nach einem kurzen spirituellen Ausflug in die Mazdaznan-Sekte später in Berlin seine eigene Schule zu gründen. Er entwickelte jedoch bereits am Bauhaus seine Farbtypenlehre, die den Bezug von Farbe und Form beleuchtet und später eine auf den sieben Kontrasten basierende Farbenlehre, die bis heute unterrichtet wird.

Paul Klee: Legende vom Nil (1937) © Kunstmuseum Bern

Paul Klee: Legende vom Nil (1937) © Kunstmuseum Bern

Klee blieb fast zehn Jahre länger am Bauhaus, und obwohl er die Farbe erst spät für sich entdeckte, strahlt sie doch bis heute aus jedem Winkel seines Meisterhauses in Dessau, welches er sich mit Wassily Kandinsky teilte. Seine Farben- und Formlehre, größtenteils aus Tagebuchaufzeichnungen zusammengestellt, bildet, so sagt man, eine maßgebliche Grundlage für die Moderne Kunst.

Im hintersten Raum der Ausstellung im Gropiusbau steht die beeindruckende, originalgetreue Reproduktion von Ittens Farbskulptur, “Turm des Lichts” von 1920: eine spiralenförmige Konstruktion, die eine Brechung des Lichtes an den verschiedenfarbigen Glasflächen zum psychedelischen Experiment werden läßt. Von Itten als “Zeichen des Lichts, Zeichen der Wahrheit” bezeichnet, sollte so der Kosmos der Farben dem Weltganzen gleichgesetzt werde: Ein ambitioniertes Ansinnen, welches die starke Suche Ittens nach einer spirituellen Verbindung in der Kunst widerspiegelt. Ittens eher ganzheitlicher Ansatz führte ihn zur Theorie der Farbaura und einer je nach Typus unterschiedlichen Wahrnehmung von Farbe. Seine Unterscheidung in Frühlings-, Sommer; Herbst- und Wintertypus findet bekanntlicherweise noch heute ihre Anwendung.

Itten_Turm

Johannes Itten: Turm des Lichts (1920) Foto: Barbara Steun

Der wortkarge Klee lebte die innere Verbindung zum Ganzen wohl eher vor, als dass er sie proklamierte: Nach den Worten seines Kollegen Kandinskys “weniger durch Worte und mehr durch sein Wesen”. Er war immer offen für alle Naturphänomene und Kunstanschauungen und erstaunlicherweise spiegeln gerade seine Werke eine tiefe und unprätentiöse Anbindung zum Ganzen. In seinen Tagebüchern finden sich Erkenntnisse wie: “Der Weg zum Stil: . . Erkenne dich selbst.” und “Seinen Stil findet der, wo nicht anders kann”.

Die Persönlichkeiten Itten und Klee könnten unterschiedlicher nicht sein. Und doch hatten beide dasselbe Ziel: Dem mystischen und all umfassenden Thema Farbe auf den Grund zu kommen.

Farbtheorien und ihre Grundlagen sind analytisch gesehen interessant, doch was am Ende zählt, ist das Empfinden: Die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau macht glücklich durch den vielfachen Eindruck von Farbharmonien und -Kontrasten. Die schönsten Ergebnisse sind oft diejenigen, welche wie nebenbei und auf die einfachste und fast kindliche Art und Weise komponiert wirken: Ein paar Striche bilden ein Raster auf lasiertem Grund, mit magentafarbener Sonne als Lebensquelle, einem Pflänzchen darunter und dem prosaischen Titel: “Nach Regeln zu pflanzen.” Das hat Klee sein Leben lang erfolgreich getan.

Erst acht Jahre nach einer inspirierenden Tunesienreise, im Jahr 1922, findet sich endlich in seinem Tagebuch das Zitat: “Ich und die Farbe sind eins. Ich bin Maler.”

Paul Klee: Nach Regeln zu pflanzen, 1935, © Hermann und Margrit Rupf-Stiftung, Kunstmuseum Bern

Paul Klee: Nach Regeln zu pflanzen, 1935, © Hermann und Margrit Rupf-Stiftung, Kunstmuseum Bern


“Kosmos Farbe. Itten-Klee”
Ausstellung vom 25. April bis zum 29. Juli 2013
Martin-Gropius-Bau, Niederkirchner Str. 7
www.gropiusbau.de

 

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