Freitag, 24. November 2017

Die Frage der Verortung

Von Stella Hombach
&copy: Ballhaus Naunynstraße

© Ballhaus Naunynstraße

Ballhaus Naunystraße. Die Suche nach dem richtigen Weg treibt das Stück von Marianne Salzmann voran. Die Suche nach einem festen Ort in der Ortlosigkeit bestimmt das Tempo von Hakan Savans Micans Inszenierung.

Thea sitzt auf einem Stuhl. Hinter ihr wellt sich ein weißes durchsichtiges Tuch. Die Schatten, die sich auf ihm widerspiegeln, sind verzerrt und überdimensioniert. Thea ist Journalistin und sie führt ein Interview mit dem ihr gegenüber sitzenden Politiker der Volkspartei. Thema ist das neue Einwanderungsgesetz, das demnächst erlassen werden soll. Während des Gespräches fällt auf, dass Thea schwanger ist. Ihr Bauch ist stark nach vorne gewölbt. Keine ihrer Hände legt sich schützend auf ihn.

„Beg your pardon“ heißt das Theaterstück. Geschrieben wurde es von Marianne Salzmann, inszeniert von Hakan Savan Mican. Aufgeführt wird es im Ballhaus Naunystraße. Doch entgegen dem Titel geht es in dem Stück nicht um Vergebung. Keine der Figuren bittet, fleht oder bettelt, um Verzeihung. Die Personen handeln nach ihrem eigenen Ermessen und Gewissen. Auch für die begangenen Fehler, für die Wunden, die sie sich zufügen, gibt es keine Entschuldigung.

Politik der Ungerechtigkeit

Thea ist eigenständig, eigensinnig und kämpferisch. Sie geht raus, geht auf die Straße. Ihr Leben wird bestimmt durch die Ungerechtigkeiten, unter denen andere leiden. Es sind die Verfehlungen der Einwanderungspolitik, die Absurditäten des Einbürgerungstests, über die Thea sich aufregt. Ihr noch ungeborenes Kind vergisst sie dabei. In ihrem „Kampf“ wird der Bauch, wird das Kind zur „Behinderung“.

Ihr Freund Filip ist zu Hause. Er begleitet sie. Er umsorgt sie. Ihre Wutausbrüche, ihr Zynismus stehen im Dauerkonflikt mit seinem Wunsch nach familiärer Harmonie. Immer wieder scheitert Filip daran, ihr das Familienglück, das Leben zu dritt, schmackhaft zu machen. Das einzige, was Thea am Zuhause mag, ist der Geschmack von Blumenkohl.

Und während sich Thea immer wieder über die Einwanderungspolitik des Landes, über das Leben mit Filip aufregt, wird ihre beste Freundin Marwa tatsächlich ausgewiesen und muss das Land verlassen.

„Beg your pardon“ entstand nach einer langen Reihe von Interviews, die Marianne Salzmann in Dänemark mit Politikern rechter Parteien und mit Betroffenen der neuen Einwanderungsgesetzte führte. Es sind Gesetze wie die Residenzpflicht Deutschlands oder wie das „Point-System“ Dänemarks, deren Auswirkungen dem Stück seinen Rahmen geben. Nach fast 20 Jahren wird Marwa aufgrund dieser Paragraphen ausgewiesen. Sie kämpft nicht. Sie geht. Thea kämpft den Kampf einer anderen.

Die Suche nach Verortung

Doch neben dieser Kritik an der Einwanderungspolitik, neben dem Aufbegehren Theas und dem sich-Fügen Marwas geht es in Salzmanns Stück auch um die Suche nach dem eigenen Ort. Es ist die Frage des „Wo gehöre ich hin?“. Auch ohne Migrationshintergrund fühlen sich die Figuren, fühlt sich Thea ortlos. Vergebens wartet der Zuschauer auf ein klärendes Konfliktgewitter. Doch Konflikte brauchen eine festen Boden, eine Position. Sie brauchen eine Bindung. Um ausgetragen zu werden, müssen sie verortet werden. Aber Salzmanns Figuren sind entwurzelt bzw. wurzellos. Sie haben nie Wurzeln geschlagen. Die gesellschaftlichen, die familiären, die nationalen Bindungskräfte haben ihre Integrationskraft verloren, die Kraft hat sich nie entfalten können. Die existenziellen Konflikte verlieren sich in kindlich anmutenden Streitereien. So wirkt auch Marwa, mit ihren roten Haaren, mit ihrer romantischen Naivität wie eine Figur Astrid Lindgrens. Wie ein kleines Kind rennt Thea auf der Bühne herum. Das existentielle Ringen verliert sich im Lied des Ringel-Ringel-Reihe.

Der Höhepunkt der Ortlosigkeit, der Zenit kindlicher Spielerei kulminiert in den traumartig-kunstvollen Video-Installationen (von Katharina Wyss), die während des Stücks an die Wände und an das in der Mitte der Bühne hängende Tuch projiziert werden. Sie lassen den Bühnenraum gänzlich ins Ortlose ausfransen. Und wenn auf dem weißen Tuch dann auch noch ein großer schwarzer Affe erscheint, mit dem Thea spricht und der sie auf ihrem Weg begleitet, scheint das Stück die klare Trennung zwischen den Polen von Fiktion und Wirklichkeit zu verlieren.

Doch der Affen, ist kein surreal-fantastisches Erzähl- oder Dissoziationsmoment. Eher entstammt er dem Gedankenspiel eines Kindes, dass nicht allein sein will. Der Affe ist Theas imaginierter Freund. Als sie ihre Familie verlässt begleitet er sie. In ihrem neuen Leben, dass mit der Zeit immer mehr dem alten zu gleichen schient, gewinnt er an Raum. Erst als sie zurückkehrt, als sie bereit ist, ihren Platz zwischen Filip und ihrem Kind einzunehmen, bleibt der Affe zurück. Das weiße Tuch, dass seine Projektion trägt, fällt zu Boden.

Doch Thea kann nicht mehr einfach so zurück. Während ihrer Abwesenheit hat Marwa ihren Platz eingenommen. Sie und Filip wollen heiraten. Marwa darf wieder zurück. Die Heirat erlaubt ihr die Rückkehr in das Land, dass sie zuvor achtos ausgewiesen hatte. Den Blumenkohl, den Thea für Filip mitbringt, bleibt ungegessen am Boden liegen.

Ein Raum der Ohnmacht

In Salzmanns „Beg your pardon“ geht es, um die Ungerechtigkeiten der Einwanderungspolitik. Es geht um den permanenten Druck den diese Politik auf Einwanderer ausübt. Aber es geht auch, um die Suche nach einem festen Ort. Es geht, um die Frage wo man hingehört. Verantwortung muss übernommen, Entscheidungen müssen getroffen werden. Doch auch wenn Thea, Marwa und Filip am Ende gemeinsam auf der Bühne sitzen, so bleibt die Lösung, bleibt die Idylle aus: Marwa durfte zurückkehren. Thea ist zurückgekommen. Filip hat seine Familie gefunden. Aber die Aussprache, das reinigende Gewitter bleibt aus. Es herrscht betretendes Schweigen. Trotz der getroffenen Entscheidungen, scheint der gefundene Raum mehr von Ohnmacht als von Handlung durchzogen zu sein.

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