Mittwoch, 26. September 2018

Filmtipp: “The Guard”

Von Bevo Winterberg


Sergeant Gerry Boyle ist kein Freund großer Worte. Wenn er etwas sagt, kommt ziemlich oft „fuck“ darin vor. Eigentlich hat er permanent schlechte Laune. Das Adjektiv, das am wenigsten auf den irischen Dickschädel zutrifft, wäre wohl liebenswürdig. Statt dessen bepöbelt und verhöhnt er so gut wie jeden, der seinen Weg kreuzt, und lässt keinen Zweifel daran, für wie minderbemittelt er seine Mitmenschen hält.

Dass man sich von diesem Gerry nicht vom ersten Filmmoment an angewidert abwendet, ist das Verdienst des Schauspielers Brendan Gleeson. Er verkörpert den übergewichtigen Zyniker so würdevoll und fein nuanciert, dass man den liebenswerten Kern der Figur erahnt, lange bevor die Geschichte von “The Guard” davon erzählt.

Zunächst scheint es nur um einen Mord zu gehen, doch wie sich herausstellt, steht dieser im Zusammenhang mit einem geplanten milliardenschweren Drogendeal. Dazu erscheint zu Gerry’s großem Verdruss Verstärkung vom FBI in der schmuddeligen Polizeidienststelle des Küstenstädtchens Connemara. Don Cheadle spielt Wendell Everett, den eleganten Ermittler aus den Staaten, der sich vom irischen Grobklotz allerhand rassistische Beleidigungen anhören muss, bevor es zu einer kollegialen Zusammenarbeit kommt. Bei einer ersten Befragung der weit verstreuten Einwohner Connemaras scheitert der Elitebeamte Everett an der Sprachbarriere. Seine Fragen werden auf Gälisch beantwortet, woraus Everett schließt, dass die Bewohner des Englischen nicht mächtig sind. Und Kollege Boyle kann nicht helfen, weil er gerade mit zwei Prostituierten und ein paar Drogen seinen freien Tag genießt. Dann aber verschwindet ein junger Polizist, und die Sache wird ernst.

Die Krimihandlung bildet den Erzählstrang, um den sich die anderen, wichtigeren Komponenten des Films ranken. Die widerwillige Annäherung der beiden grundverschiedenen Gesetzeshüter, die immer wieder im Alkohol ertränkte Einsamkeit des bärbeißigen Iren, und insbesondere die tragikomischen Szenen mit Boyle und seiner todkranken Mutter, die ihr Leiden mit eben jener Würde und demselben schwarzen Humor trägt, der auch ihrem Sohn zueigen ist. Wie da, durch sparsame Gesten und kleine Veränderungen in der Mimik, aus dem misanthropischen Rauhbein ein mitfühlender und zutiefst mitleidender Sohn wird, ist eine schauspielerische Glanzleistung von Brendan Gleeson.

Stark und mutig wie sie ist, setzt Eileen Boyle ihrem Leben selbst ein Ende. Der Sohn, unbeeindruckt vom Bestechungsversuch des Drogenbosses, zieht seine beste Uniform an und marschiert ebenso stark und mutig zum Showdown. Er weiß, er kann nicht gewinnen, doch Zweifel an der Richtigkeit seines Tuns gibt es nicht. Dann eilt doch noch der amerikanische Kollege zu HIlfe, und fast wird es ein bisschen sentimental zwischen den Gefährten, bevor Sergeant Boyle in sein letztes Gefecht zieht.

“The Guard” vom britischen Regisseur John Michael McDonagh ist ein schräges, schwarzes Kinovergnügen mit brillanten Darstellern. Neben Gleeson und Cheadle spielt Irland die dritte Hauptrolle. Die weit von grüner Postkartenidylle entfernte grau-verregnete, schmucklose Landschaft mit einsamen, heruntergekommenen Cottages und der schroffen Küste wird grandios in Szene gesetzt (Kamera: Robert Binnall) und korrespondiert wunderbar mit den eigenwilligen Charakteren. Die erinnern in ihrer Kantigkeit zuweilen an Kaurismäki, nur reden sie ein wenig mehr. Und wie in jedem Film, der sein Publikum berührt, geht es auch hier um die Liebe und ihre kleine Schwester, die Freundschaft. Wenn Gerry Boyle mit kehligem Akzent sagt “He’s a good lad”, ist das wie eine knorrige Liebeserklärung auf Gälisch.


The Guard
(GB/IRL 2011)
Läuft in den Yorck-Kinos und OmU im Babylon Kreuzberg

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