Mittwoch, 26. Juli 2017

Fotografin am Nabel ihrer Zeit

Von Cornelia Brelowski

Gereon Sievernich vom Martin-Gropius-Bau und Kuratorin Oliva Maria Rubio eröffneten die Fotoausstellung von Margaret Bourke-White.

Stalins Mutter war eine asketisch aussehende Frau in Tracht mit einem Zug von Bedauern um Augen und Mund. Das wüsste man nicht, wenn die amerikanische Forografin Margaret Bourke-White sich nicht in den frühen 30er Jahren aufgemacht hätte, um das nachrevolutionäre Russland zu portraitieren.

Margaret Bourke-White: Stalins Mutter, Ekaterina Dzhugashvili © Time & Life / Getty Images

Margaret Bourke-White: Stalins Mutter, Ekaterina Dzhugashvili
© Time & Life / Getty Images

Bourke-White hatte es sich zeit ihres Lebens zum Ziel gemacht, dem aktuellen Zeitgeschehen hautnah auf der Spur zu sein und wurde deshalb auch die erste Fotografin für die US-Magazine “Fortune” und “Life”.

Zweifelhafte Zustände im eigenen Land (“You Have Seen Their Faces”, 1934; “Franklin Roosevelt’s Wild West”, 1936) publik zu machen schreckte sie ebensowenig, wie am Ende des zweiten Weltkriegs die Öffnung des Konzentrationslagers Buchenwald zu dokumentieren (“The Living Dead of Buchenwald”, 1945). Auch portraitierte sie für “Life” 1946 den eher fotoscheuen Mahatma Ghandi neben seinem Spinnrad, doch nicht, bevor sie nicht selbst das Spinnen gelernt hatte – das war Gandhis Bedingung gewesen.

Geboren 1904 in einer Ingenieursfamilie in der Bronx, New York, hatte Bourke-White vielen Frauen ihrer Zeit eines voraus: Nämlich die feste Ansicht ihrer Eltern, dass Frauen dasselbe Recht auf persönliche und berufliche Selbstverwirklichung haben wie Männer. Ihren Namen fügte sie übrigens nach der ersten Scheidung 1924 aus den Nachnamen ihrer beiden Eltern zusammen.

Im Zuge ihres frühen Interesses für Industriefotografie lichtete Bourke-White unter den argwöhnischen Augen der Belegschaft das Innere der Otis Stahlwerke in Cleveland ab, was ihr den ersten Job als Fotografin und Co-Redakteurin in dem Wirtschaftsmagazin “Fortune” einbrachte. In den frühen 1930ern fuhr sie nach Deutschland, wo sie die AEG-Werke vor die Kamera nahm. Daraufhin folgte eine Reise in die Sowjetunion, um dort die Umsetzung des ersten Fünfjahresplans zu dokumentieren.

Schleichend verbanden sich wirtschaftliche und politische Themen in Bourke-Whites Reportagen, und es formte sich der “unstillbare Wunsch, dabei zu sein, wenn Geschichte geschrieben wird”. Im unruhigen 20. Jahrhundert sollte sie genug Gelegenheit dazu bekommen.

Für das “Life”-Magazin war Margaret Bourke-White von Anfang an dabei und lieferte zur ersten Ausgabe 1936 nicht nur das Titelbild, sondern auch die Titelstory über den Bau einer gigantischen Talsperrre in Montana und die wildwest-ähnlichen Lebensbedingungen der 10.000 Arbeiter, die sich aus Kriegsveteranen und Arbeitslosen rekrutierten (“Franklin Roosevelt’s Wild West”).

1939 berichtet sie für “Life” von der Sudetenkrise, und aus der Reise mit ihrem zweiten Ehemann Erskine Caldwell wird ein Buch über den zunehmenden Antisemitismus in Europa (“North of the Danube” ).

© Time & Life / Getty Images

© Time & Life / Getty Images

1940 veröffentlichte “Life” Bourke-White’s Churchill-Portrait auf der Titelseite. Die Ereignisse begannen sich zu überschlagen, sowohl in der Weltpolitik als auch in Bourke-White’s Leben. Bei einer erneuten Moskaureise 1941 erlebt sie die ersten deutschen Luftangriffe und hält diese fest, in Bildern von teils absurder Schönheit. Mit Caldwell veröffentlicht sie im gleichen Jahr “Say, Is This the USA?”, ein Buch mit Bildern der wieder erblühten USA am Vorabend des Zweiten Weltkrieges. Darauf folgt 1942 “Shooting the Russian War” über ihre Kriegserlebnisse in der Sowjetunion.

Nach der Scheidung von Caldwell wird Bourke-White 1942 offizielle Kriegsberichterstatterin und fotografiert bis 1945 Reportagen wie die über eine Schiffstorpedierung (“Women in Life Boats”), einen Bericht über den Italienfeldzug (“They Called it Purple Heart Valley”) und letztendlich jene über die Öffnung des Konzentrationslagers Buchenwald (“The Living Dead of Buchenwald”). Ihr Buch “Deutschland, April 1945” (”Dear Fatherland, Rest Quietly”) findet bei den Nürnberger Prozessen als Beweismittel Verwendung.

Die Ausstellung im Gropiusbau, kuratiert von Oliva María Rubio (La Fabrica, Madrid), bezieht sich auf die Zeit von 1930 bis 1945 und ist damit keine Retrospektive. Das kann man bedauern, denn dadurch fehlen so wichtige Meilensteine aus Bourke-Whites Werk wie das Gandhi-Portrait. Auf eine komplette Werkschau muss man also noch warten.

Diese Ausstellung zeigt die Auswirkungen der Depression in den USA, die politischen Entwicklungen in Europa am Vorabend des zweiten Weltkriegs und den Krieg selbst. Dies alles aus der Sicht einer Fotografin, die sich als erste Frau überhaupt im Fotojournalismus und Kriegsberichterstattung hervorgetan hat. Die Mischung aus fast schon verherrlichender Industriefotografie und den Kriegsreportagen gibt Grund, um über die Zusammenhänge zwischen Industrialisierung, Wirtschaftskrise und Krieg nachzusinnen. Bourke-White war aktive Zeugin der Phänomene eines bedeutenden Jahrhunderts – im Guten wie im Schlechten.

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