Montag, 11. Dezember 2017

Linsensuppe und Nutellabrote

Von L.Steinau

Foto: L.Steinau

Es gibt lange Nächte in Museen, Triple-Features im Kino. Aber eine Stücketrilogie an einem Theaterabend? Der Ort dieses Experiments ist das Ballhaus Naunynstraße, das vergangenes Wochenende zur Langen Nacht der Generationen geladen hatte. Zwei Nächte, drei Stücke, drei Generationen.

 

Eine von vielen Veranstaltungen im Rahmen des ALMANCI!-Festivals, das das Jubiläum des deutschen Anwerbeabkommens an die Türkei nutzt, um die ernüchternde Bilanz zu ziehen: 50 Jahre Scheinehe. Zum einen will man den Finger in die Integrationswunde legen, zum anderen ein Fest zu feiern: Ein Balanceakt, der diesem Theater-Performance-Film-Musik-Literatur-Festival bisher gut gelingt. Eröffnet worden war das Festival am letzten Mittwoch mit einem Lese-Flashmob am Kotti.

“Richten Sie sich auf eine lange Nacht ein”

Der charmante Hinweis der künstlerischen Leiterin Shermin Langhoff zu Beginn des Abends, „Wir werden hier wohl so bis 2 Uhr sitzen“, erntet vorsichtiges Gelächter im vollbesetzten Saal. Lukas Langhoffs Neuproduktion „Pauschalreise – die 1. Generation“ macht den Anfang, mit dem er pünktlich zu Festivalbeginn seine Trilogie vervollständigte. Es zeigt die ersten Gastarbeiter in der Auseinandersetzung mit ihren nachfolgenden Generationen. Ihre Kinder und Enkel konfrontieren sie mit der Schwierigkeit den eigenen Weg zwischen Vergangenem und Gegenwärtigem zu finden. Doch auch sie wissen keine Antwort, denn es wird deutlich, dass gerade die erste und dritte Generation die Sehnsucht eint, endlich anzukommen. Das Nebeneinander von SchauspielerInnen und Laien erzeugt dabei wie in der gesamten Trilogie eine ganz eigene spielerische Dynamik.

Dann ist Pause. Man ist kaum aufgestanden, da stürmt bereits eine Horde von Technikern die Bühne. Nur so ist deren aufwendiger Umbau innerhalb von 30 Minuten zu schaffen. Das Publikum wird derweil im Hof mit Linsensuppe versorgt, eine entspanntere Atmosphäre erlebt man selten in Theaterhäusern.

Mit Kaffee und Nutella gegen die Müdigkeit

Dann heißt es Klappe die Zweite. „Klassentreffen – die 2. Generation“ kommt noch authentischer daher. Sechs DeutschtürkInnen spielen sich selbst und erzählen aus ihrem Leben, immer menschlich, nie sentimental. Zu sehen sind Menschen des Dazwischen, die aber trotz der Widersprüche ihrer Herkunft und den damit verbundenen großen und kleinen Krisen des Lebens ihren Platz in der Gesellschaft gefunden haben.
Pause Nummer zwei. Nun gibt es passend zum Stück Nutella-Brote für alle. Gerüstet mit Kaffee und viel frischer Luft geht es in die letzte Runde.

Den deutschtürkischen Jugendlichen aus Kreuzberg stehen in „Ferienlager – die 3. Generation“ die Kämpfe des Lebens noch bevor. Sie schildern ihre persönlichen Probleme und Träume, oft jenseits ihrer Herkunftsfrage, immer schwankend zwischen Ängsten und Zuversicht.

In allen drei Stücken wird durch individuelle Momentaufnahmen und persönliche Schicksale ein authentisches Panorama der jeweiligen Generation geschaffen und zwar jenseits der Klischees festgefahrener Integrationsdebatten. Die Gesamtschau der Trilogie veranschaulicht an diesem Abend die Entwicklung der drei Generationen.

Um halb drei gibt es tosenden Applaus und man ist gespannt: Auf die vierte Generation.

 

„ALMANCI! 50 Jahre Scheinehe“

Theater/Performance/Film/Musik/Literatur

Festival vom 31.08. bis 31.10.2011

Ballhaus Naunynstraße

www.ballhausnaunynstrasse.de

 

 

 

 

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