Dienstag, 21. Mai 2019

Viel Schönes dabei

Von Nicolai Klatz

Foto: N.Klatz

Die Kiezpoeten machten ihrem Publikum die Entscheidung schwer: Das Jahresfinale des Kreuzberg Slam hatte am Ende zwei Gewinner.

Siegerfoto. Einer freut sich. Der Andere… nun ja, man könnte versuchen, ihm eine innere Erregung anzudichten, wenn er doch zuvor das leiseste Anzeichen dafür hätte durchschimmern lassen.

Der Eine, das ist Patrick Salmen, seines Zeichens amtierender Deutscher Slam-Meister, Multitalent auf Durchreise, zurzeit rasant on Tour quer über Deutschlands Bühnen und griesgrämiger Betrachter seltsamer Erscheinungen unserer Zeit. Hasst es zu verlieren, besonders gegen Kinder. Hasst schwedische Jazzbands. Mag den Film „Speed“. Und Quartett.

Der Andere ist Nico Semsrott. Arg gebeutelt vom Leben, seitdem ihn in der ersten Klasse ein größeres Mädchen von seinem Sitzplatz gemobbt hat, seither mit einer infantilen Lethargie in der Stimme, die einen binnen weniger Sekunden von der vollkommenen Nichtigkeit allen Seins auf Erden überzeugt.

Es war ein Doppel-Triumph des Soziopathischen am Dienstagabend beim ersten Jahresfinale des Kreuzberg Slams, das aufgrund des zu erwartenden Zuschaueransturms die heimischen Hallen des Lidos verlassen und sich im Friedrichshainer Kulturhaus Astra einquartiert hatte. Rund eintausend Besucher waren gekommen, um dem gut dreistündigen Wortfeuer zu lauschen und drei Finalisten – zu denen auch der am Ende knapp geschlagene Dritte, Malte Rosskopf, gehörte – aus dem erlesenen Teilnehmerfeld von elf Monatsgewinnern zu erjubeln.

Kreuzbergs beste Slammer: Nico Semsrott (links) und Patrick Salmen.


Thematisch zogen die Slammer von der Verstümmelung eines Werbeprospektverteilers bis hin zum Aufruf zur vollständigen gesellschaftlichen Neuordnung alle Register. Während Till Reiners – „Frag nicht, was Hack für Dich tun kann, sondern was Du für Hack tun kannst!“ – leidenschaftlich über die Bulette als Vorbote einer besseren Zukunft sinnierte, nahm sich August-Siegerin Sarah Bosetti den scheinbar trivialen Moment des sich im Alkoholrausch schwallartigen Übergebens zum Anlass, ihre Rolle als Frau zu reflektieren. Wahrlich unter die Haut gingen die Auftritte von Clara Nielsen, erschüttert vom Rückblick auf eine Freundschaft aus Kindertagen und der ernüchternden Feststellung, dass Zeiten niemals wiederkehren, und Moritz Kienemann, der auch nach Ablauf seiner fünf Minuten Redezeit noch die Verzweiflung über die Unmöglichkeit einer Beziehung in die Menge schrie.

Am Ende müssen es akustische Nuancen gewesen sein, die Moderator Sebastian Lehmann seine Entscheidungen über das Weiterkommen und Ausscheiden der Künstler haben treffen lassen. Nur einmal musste auch sein aufmerksames Ohr passen. Zwischen den beiden Siegern war am Ende des Finales kein Unterschied in der Publikumsgunst auszumachen. Sowohl Patrick, als Titelverteidiger ohnehin qualifiziert, als auch Nico wird man damit ab dem 18. Oktober bei den deutschsprachigen Poetry Slam-Meisterschaften in Hamburg wiedersehen.

Für zusätzliche Begeisterungsstürme sorgte als Special Guest übrigens Ex-Kreuzberg Slam-Moderator Marc-Uwe Kling, der für Auszüge aus seinem Programm „Das Känguru-Manifest“ zahlreiche Ovationen erhielt. Um mit den Worten des Künstlers zu sprechen: War viel Schönes dabei am Dienstag im Astra.

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